Lond-on-line 6.3.

Tim möchte Kletterlehrer werden, ich treffe ihn in
der Halle, wo er arbeitet, obwohl sein freier Tag ist. Auf einer Matte macht
er seine Dehnungsübungen, ein sympathischer Junge in kurzen Hosen und
langem leicht gelocktem Haar, ich spreche ihn an.
Er sichert mich, klettern will er nicht, er habe kürzlich einen Unfall
gehabt, jemand habe ihn fallenlassen, 30 Fuss, nun hat er das Vertrauen
verloren in die Sicherung.
«Ich klettere seit fast 40 Jahren», sage ich.
«Das sehe ich», sagt Tim. Und erzählt von seinem Vater, der
in Wales lebt, mit ihm war er in den Dolomiten, wo sein Vater früher
kletterte, er ist gerade so alt wie ich.
«1966 kletterte ich die Nordwand der grossen Zinne in den Dolomiten»,
sage ich.

Jetzt lässt sich Tim sichern, wir kletterten einen Nachmittag zusammen
und er erklärt mir die Klettergebiete im Lake und im Peak Distrikt.
«Sheffield», schwärmt er, «ist eine so schöne Stadt.
Die Menschen freundlicher als in London, weisst Du, je weiter Du nach Norden
kommst in England, desto freundlicher werden die Leute.»
Und ich erzähle von Schottland, wie ich mit Chris per Autostop reiste,
jung verheiratet wie wir waren.

Tim hat keinerlei Berufsausbildung, jetzt arbeitet er in der Halle, für
einen Jahreslohn von 11’000 Pfund, und macht in einem halben Jahr die Prüfung
als Kletterlehrer. Und dann, irgendwann vielleicht, den Bergführer,
wie Andy Rees, der Boss der Halle. Tim gehört zu den vielen jungen
Engländern, welche die Schule ohne Berufs- oder Studienabschluss verlassen,
zumeist ohne Perspektive. Von denen man dann einige wieder vor dem Supermarkt
trifft, auf einem Stück Karton kauernd, in Tarnhosen und Schnürstiefeln
und in einen schmutzigen Schlafsack gehüllt, kaum mehr in der Lage,
die Hand zu heben und «Change» zu murmeln. Tim hat wenigstens
ein Ziel, er klettert gut, Klettern hat halt vielleicht doch einen Sinn,
obwohl es eigentlich die sinnloseste Betätigung ist, die man sich vorstellen
kann. Warum sollen wir uns jetzt hier an der Wand hinaufquälen, nur
die winzigen gelben Griffe und Tritte benutzen, wo daneben grosse rote angeschraubt
sind? Warum nicht etwas Vernünftiges tun, lernen, arbeiten oder wenigstens
richtig ausspannen? Ja, was ist eigentlich vernünftig?

Unter den «weissen Jungen der Arbeiterklasse» herrscht eine «Anti-Bildungs-Kultur»,
zeigen Analysen der Übertrittsprüfungen an Schulen in London und
Liverpool. Die weissen Arbeiterbuben schneiden weitaus schlechter ab als
die Mädchen, die selbst in sogennannten «Männerfächern»
wie Informatik, Chemie, Mathematik und «Design and Technology»
obenausschwingen und in «Physik» auch bald. Selbst die Kinder
der ethnischen Minderheiten schneiden besser ab als die Boys der einstmals
stolzen und militanten englischen Arbeiterklasse, Marx und Engels rotieren
in ihren Gräbern, wenn sie es erfahren. Wobei von einer Arbeiterklasse
kaum mehr geprochen werden kann. Bis im Jahr 2020 werden noch 2 Prozent
aller Werktätigen in der Produktion arbeiten, in keinem Land schreitet
der Umbau der Wirtschaft so schnell voran, schreibt Jerey Rifkin, Autor
des Buches «The End of Work».

«Warum?» fragt Chris Woodhead, «Her Majesty’s Chief Inspector
of Schools», hat aber in seiner Kolumne in der Times auch nur Vermutungen
anzubieten, warum gerade die jungen Männer in der Schule scheitern:
Vielleicht möchten die Mädchen den Lehrern besser gefallen? Vielleicht,
weil es fast nur noch Frauen gibt, die in den Primarschulen unterrichten,
den Buben deshalb die Vorbilder fehlen? (Die Familie ist ja eh kaputt, der
Vater irgendwo.) Vielleicht, weil in der Dienstleistungsgesellschaft die
Jobaussichten für die Buben schlechter sind, deshalb die Motivaton
fehlt. Oder vielleicht ist gerade das Gegenteil wahr? Sicher sei, so schreibt
des Landes oberster Schulinspektor, dass Minoritäten wie die Einwanderer
Bildung höher werten, warum, ist ja wohl klar. Es ist ihre einzige
Chance, zu überleben und ihren Platz zu behaupten.

Der Eindruck, dass die Schokoladekinder in der Schule nebenan ungewöhnlich
brav und fleissig sind, der Eindruck, dass man sozusagen nur weisse Obdachlose
und Bettler sieht, täuscht also nicht.
Meinem Freund Tim wünsche ich trotzdem, dass er sein Ziel schafft.
Als Kletterlehrer wird er zum Dienstleistungssketor gehören, zur Zukunftsbranche
also. Den Kaffee, zu den ich ihn einlade, lehnt er zuerst ab, so wie er
zuerst gar nicht klettern, sondern nur mich sichern wollte. Er ist wohl
einfach zu bescheiden und zu friedfertig. Was mir jetzt auch auffällt
ist: Man sieht kaum Frauen und keine Farbigen klettern. Wahrscheinlich sind
sie am Arbeiten oder am Lernen.

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