Wenn einer eine Reise tut, dann nimmt er den Notebookcomputer
mit, denn beim Erzählen, hinterher, hört ja doch niemand mehr
zu, in dieser Zeit, wo ja alle schon überall gewesen sind. Also habe
auch ich mich ausgerüstet. Dass das neue Notebook, das ich mir für
London angeschafft habe, gleich nach dem Auspacken schon defekt war und
mir einen Tag Ärger und Umtriebe bescherte, ist in meiner Erinnerung
schon verblasst. Schliesslich ist dann alles gelaufen, und auch jetzt, in
London, läuft alles.
Zu meinen Vorbereitungen gehörte auch das Abklären der elektrischen
Seite – schliesslich habe ich einst Elektrotechnik studiert. Hat England
nicht Gleichstrom? Oder nur 110 Volt? Mein Schwager, der ein Jahr hier arbeitete,
wusste Bescheid. Wechselstrom ist es, nur eine etwas höhere Spannung,
240 Volt liegt aber noch in der Toleranz. Die EG strebe einheitliche 230
Volt an, lerne ich. Die Stecker sind natürlich anders, aber dazu gibt
es in jedem Do-it-yourself Adapter.
Als grösseres Problem erwies sich der Modemanschluss. Gibt es da auch
Adapter? Dazu wusste niemand im Bekanntenkreis Bescheid, also stellte ich
mich in einem der neuen Telecom-Shops an den Schalter in die Warteschlange.
Die Telecom ist ja privatisiert, das merkt man jedoch nicht, es werden dort
gemütlich Formulare ausgefüllt wie eh und je, für die Zermatt-
und Twist- und wie die Neuschöpfungen im Apparatesektor alle heissen,
der Kunde ist nicht König, sondern Bittsteller.
Das erste Mal lief ich davon, das zweite Mal schaute mich die Frau nach
zwanzig Minuten Warten nur verständnislos an. England? Keine Ahnung,
auch nicht, wo man erfahren könnte, was die für Stecker haben.
Nummer 113? Dieselbe Auskunft.
Gibt es in England überhaupt Telefon? Nicht nur das, nein, British
Telecom hat sogar ein Büro in Zürich. Der Tip stammte von einem
weitgereisten Journalisten, der zwar in aller Welt schon mit Internet gearbeitet
hat, nur eben ausgerechnet in UK noch nicht. Aber er mailte mir die Telefonummer.
Der Zürcher Vertreter von BT fragte: «Wollen Sie etwa ein Telefon
nach England mitnehmen?»
«Nein, ein Modem.»
Das hatte der Herr im Zeitalter des mobilen Computings tatsächlich
zum ersten Mal gehört. Riet mir, ich solle doch vor Ort ein Kabel beschaffen,
vielleicht gebe es auch Adapter. Dasselbe empfahl auch ein Spezialist in
einem Portable-Shop.
Nun kaufte ich also heute an der Tottenham Court Road in einem der unzähligen
Computershops ein Kabel, ein indischstämmiger Verkäufer griff
zur Crimpzange und klemmte die richtigen Stecker an. Ich kam mir wirklich
vor, wie der erste Mensch, der mit Laptop und Modem durch die Welt reist.
Wie machen das denn all die andern? Jedenfalls funktionierte die Sache natürlich
nicht, ist ja eigentlich klar. Erst nach ausführlichem Studium der
Modem-Betriebsanleitung fand ich einen ominösen Befehl &G2, den
ich wegen dem «Wachton» der Commonwealth-Staaten irgendwo einprogrammieren
musste, und, oh Wunder, ich konnte meinen Zürcher Internet-Provider
ansteuern…
In solchen Augenblicken denke ich stets an Stefan Heym, der mit seiner mechanischen
Remington emigrierte, seine ersten Bücher und Zeitungsartikel darauf
tippte und sie sogar im Sturmboot bei der Landung in der Normandie dabei
hatte. Von solcher Mobilität können wir heute nur noch träumen,
die Invasion wäre heute nicht mehr möglich, drüben haben
sie andere Stecker.