Bei den weissen Gasometern beginnt die Fahrt rund um die City, das Projekt habe ich schon lange mit mir herumgetragen, und plötzlich ist es warm, ein wolkenloser Tag, ich setze mich aufs Fahrrad und biege bei den Gaskesseln auf den Treidelpfad neben dem Regents Kanal ein. Als ich nach viereinhalb Stunden wieder an demselben Ort ankomme, die Stahlgerüste des Gaswerks weiss im sanften Himmel stehen, fällt mir die Gründerin der Gasarbeitergewerkschaft ein, und ich nenne meine Route ihr zu Ehren den «Londoner Eleanor Marx Gedächtnispfad», obwohl ich ja nicht viel mehr von ihr weiss, als dass sie eine schöne, engagierte und unglückliche Frau war. Es gibt eine dicke Biografie, ich habe sie einmal in der Hand gehabt, aber wieder weggelegt.
Es ist Sommer. Menschen sitzen auf warmen Platten, liegen in Liegestühlen in den Parks, Fischer hängen ihre Leinen in den Kanal, ein Paar spaziert Hand in Hand. Ich radle und eigentlich ist ja alles bekannt, und irgendwie ist meine Tour um die City von London schon ein wenig Abschied. Vom Regents Kanal mit seinen Hausbooten und Schleusen. Von Hackney, den heruntergekommenen Brickmauern. Vom Markt bei Camden, vom Zoo, vom Regents Park, vom Hyde Park, vom Verkehrsgetümmel der Ausfallstrassen und den verschlafenen Hintergassen und Passagen. London, London. Meine Fahrt bietet den grossen Querschnitt, East End, Armseligkeit und Schmutz, West End, Verkehr und Touristenströme, die Parks, grün und mit frisch angelegten Blumenbeeten, ja selbst am Buckingham Palast radle ich vorbei, am Big Ben, am Trafalgar Square, und ein sehr netter, sehr gepflegter Herr zeigt mir den Weg, als ich bei der Horse Guards Parade die Velokarte studiere.
Auf dem Velo erlebe ich London am freundlichsten, ich weiss nicht warum. Die Menschen lächeln mir zu und selbst die schwarzen Taxis sind nicht so böse Untiere wie sonst. Irgendwann geht mir natürlich die Luft aus, und die Pumpe ist kaputt. Aber ich bin schon in der Nähe der Themse, steuere das Embankment an, überhole eine hundertprozentige englische Lady auf einem alten Damenvelo mit Netz überm Hinterrad, und bekomme im ultimativen Bikeshop Londons für 4.99 ein leistungsfähiges Reifenaufblasegerät, High Tech. Der Verkäufer montiert den Anschlussstutzen, zeigt mir den Gebrauch und wünscht gute Fahrt.
Der Bootsführer auf dem Themseschiff ist ein anderer als das letzte Mal, aber seine Witze sind exakt dieselben. Erinnerungen. Die Fahrt mit Velo auf dem Schiffsdeck flussabwärts zaubert denn auch so intensive Abschiedsgefühle herbei, dass mir fast die Tränen kommen. Tower Bridge, Docklands, Canary Wharf. Wie oft bin ich schon durch diese Strassen gegangen, gefahren, und es will mir scheinen, als hätte ich nie irgendwo anders gelebt als in dieser Stadt. Und ich meine, ich lasse sie sogleich hinter mir, steche in See, zu neuen Ufern, mit meine Stahlross. Dabei bleibe ich noch zwei Monate.
Von Greenwich ist der Weg ebenfalls mehr als bekannt: Fussgängertunnel unter der Themse, Isle of Dogs, Limehouse, dann sehe ich schon die Gaskessel, weiss und in das unvergleichliche, intensive, gleissende englischen Abendlicht getaucht.