Karl Marx blickt sorgenvoll gegen Nordwesten, während die Internationale der Singvögel jubiliert. Sein Haupt ist aus schwerer Bronce, weit springt die faltige Stirn vor, auf dem schweren Granitsockel dreht er der Stadt den Rücken, in der er unfreiwillig gelebt, studiert, geschrieben, geliebt und gelitten hat. «Die heiterste und fröhlichste Person, die je gelebt hat, übersprudelnd vor Spass», steht in der Broschüre, die ich am Tor zur Highgate Cemetery erworben habe. Der Eintritt in den Friedhof kostet ein Pound, selbst der Tod ist heute nicht mehr umsonst zu besichtigen.
Zwei Schwarze in gediegenen Anzügen fotografieren sich gegenseitig vor dem bombastischen Grabmal, auf der Grundplatte liegen Nelken, Papierschleifen und ein zerdrücktes Sträusschen Löwenzahn, zwei Steine, ein Zigarettenstummel. WORKERS OF ALL LANDS UNITE.
Der letzte Satz des kommunistischen Manifests ist in goldene Lettern gefasst, er klingt einfacher als die deutsche Fassung von den Proletariern, sie sich vereinigen sollen, denn: «Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen.» Am Abend höre ich dann in einem dummen Film über Computerhacker die moderne Variante: Hackers of all lands unite. Der Kampf um freien Zugang zur Information hat den Kampf der gesellschaftlichen Klassen um den Zugang zur Mach abgelöst. Doch die Arbeiter von heute interessiert weder die eine noch die andere Form von «unite», sondern allenfalls, dass Manchester United den Cupfinal gewonnen hat.
Der Friedhof ist verwuchert, Efeu rankt über Skulpturen, Engel, Kreuze, Sarkophage. Drei schwarze Frauen verschwinden mit Stechgabel und Spritzkanne im Dickicht, ein beleibtes jüdisches Ehepaar spaziert auf dem Kiesweg, bleibt beim Monument des jüdischen Philosohen stehen.
«Ist heute nicht der Geburtstag von Marx?» hat die Frau am Eingang gefragt. «Es fragen so viele Leute nach dem Grab.» Nein, stelle ich fest, er war vor zwei Tagen.
Auch die Familie Marx ist, wie viele Londoner Juden, immer weiter nach Norden gezogen, hinaus aus der armen, übervölkerten Stadt in die Hügel, in die Nähe des schönsten Londoner Parks, Hampsted Heath. In Hampsted und Golders Green wohnen die ehemaligen East End Immigranten, die zu Geld gekommen sind, in Villen und gediegenen Reihensiedlungen. GolderSS Green, hat jemand in der U-bahn hingepinselt.
Sonntagsruhe liegt über der Stadt, wie zierliche schwarze Finger ragen die Türme von Canary Wharf, dem Bankenzentrum und der BT Tower aus dem Bleigrau der Dächer. Karl Marx dreht den Arbeitern im East End den Rücken, er hat zuerst im Soho gelebt, arm und von ständigen Geldsorgen geplagt, hat in der British Library das Wesen der Gesellschaft, die er verändern wollte, den Büchern entnommen. Sein Hauptwerk, das Kapital, wäre ohne die unfreiwillige Emigration wohl niemals entstanden, denn nur hier fand er in den Blue Books die wichtigen Informationen und Statistiken über die Lage der Arbeiterklasse im industrialisiertesten Teil der Welt. Er hat ja selber geschrieben, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, und sein eigenes Leben ist der Beweis dafür.
Nur seine Tochter Eleanor versuchte, das Sein zu verändern mit ihrem Bewusstsein, sie ging nach dem Tod des Vaters ins East End und organisierte dort die Gasarbeiter in einer Gewerkschaft, deren Sekretärin sie war und später sogar Präsidentin. Die schöne Frau brachte sich 1889 um, betrogen von ihrem Lebensgefärten und durch schwierige Lebensumstände depressiv geworden. Eleanor liegt im Familiengrab ebenso wie die Ehefrau Jenny von Westphalen, zwei Enkel und die Dienstmagd Helene Demuth, welche die Geliebte von Friedrich Engels war, aber auch einen Sohn von Karl Marx selber hatte. Jedenfalls behauptete das Engels auf dem Totenbett.
«Die Philosophen haben die Welt in verschiedener Weise interpretiert. Die Frage ist jedoch, sie zu ändern.» Das steht, frei übersetzt, ebenfalls in Goldlettern auf dem Granit, für ewig festgemeisselt. Er hat sich einen schönen Platz ausgesucht für seine letzte Ruhe, die unruhige Stadt weit im Rücken, die internationale Arbeiterklasse hinter sich versammelt, den Blick in die Hügel gerichtet. Karl Marx hat nichts mehr zu verlieren.