Ein paar heimelige Bunker sind in die Landschaft gestreut,
etwas kleiner als die schweizerische Norm und auch etwas weniger finster,
die deutsche Wehrmacht hätten sie wohl nicht mehr aufgehalten, ein
paar Kilometer südlich von London. Friede herrscht. Sonne, Wärme,
der Wind zaust dürres Farn und wirbelt Laub. Schlüsselblumen blühen
und Butterblumen, die Weidenkätzchen stäuben schon gelb. Frühling,
Stille, sandbraue Schmetterlinge flattern, ein Hund bellt irgendwo, dann
wummert die Eisenbahn dumpf durchs Tal, verschwindet und lässt mit
einem heiseren Hupen die Stille nochmals erzittern. Ein Flüsschen mäandert,
mündet in einen Schilfteich, aus dem Enten sich erheben zum Fluge.
Wie pocht das Herz mir in der Brust.
Seit im 18. Jahrhundert in Eridge ein Mr Harrison Gewehre fabrizierte, heissen
die Sandsteinfelsen beim Dorf Harrison’s Rocks. Ein paar bunte Kletterameisen
krabbeln an den vielleicht zehn oder höchstens zwölf Meter hohen
rundgeschliffenen Klippen empor, Sandig und rutschig der Fels, grau und
dunkelbraun und da und dort orangerote Flecken und weissliche Flechten und
grünes Moos. Die verknorzten Eichen, die noch Harrison’s Gewehre gehört
haben, und dicken Birken werfen noch keinen Schatten. Der Tag hat sich entschlossen,
seine angenehme Seite zu zeigen.
Schon in Oxted, wo ich eine Stunde warten musste auf den Anschluss, dank
dem undurchsichtig-chaotischen englischen Eisenbahnwesen, fand ich ein gediegenes
Kaffeehaus, Treffpunkt der gehobeneren Damen des englischen Fachwerk-Provinzstädtchens,
also genau das richtige für mich. Dann erfreuten eigenartige runde
Häuser mit spitzen Giebeldächern und obenauf weissen Rauchabzügen,
die sich nach dem Wind ausrichten, mein Auge. Echt Folklore. Es sind Hopfendarren,
wie ich später erfahre, hier im Süden wird Hopfen angebaut. Wozu,
da darf man dreimal raten.
Privatisiert ist übrigens nicht nur die Eisenbahn und das Wasser und
eigentlich alles, was der Herrgott den Menschen geschenkt hat, privatisiert
sind auch die Kletterfelsen. Die Harrison’s Rocks sind im Besitz des British
Mountaineering Council, und das hat den entscheidenden Vorteil, dass solche
hirnrissigen Diskussionen über Felssperrungen, wie sie in Deutschland
gegenwärtig stattfinden, ein für allemal vom Tisch sind. Das Gelände
ist privat und zum Klettern gekauft worden, Wege sind angelegt, Treppen,
Brücken, der Wald wird gepflegt und aufgeforstet. Niemand zählt,
wie die deutschen Naturschutzpäpste, die Wanderfalken (von denen es
ohnehin zuviele gibt) und die Eidechsen (die den Menschen eh überleben
werden). Es braucht sich auch niemand ein Alibi zu verschaffen, weil der
Naturschutz nicht verhindern konnte, dass Autobahnen durch die schönsten
Gebiete geschlagen und noch nicht einmal eine Geschwindigkeitsbeschränkung
erreicht werden konnte, wie zum Beispiel in Deutschland. Es ist halt einfacher,
ein paar Kletter zu vertreiben als die Bulldotzer der Betonwirtschaft.
By the way: Auch hier in der Nähe wird eine Autobahn geschlagen, durch
einen Naturpark und den grössten Wald Englands. Am Newbury Bypass,
etwas westlicher, campieren Naturschützer seit Monaten in den Bäumen.
Die Kletter unterstützen die Bewegung mit Material und Know-How.
Der Tag ist doch einfach zu schön, um wieder an den Schmutz der Welt
zu denken. Ich liege auf einer warmen Sandsteinplatte und träume. (Die
Colabüchse und die Plastikflasche im Laub will ich jetzt einmal übersehen.
«Think positive», sagt eben eine Kletterfrau.) Ich träume,
dass die Welt gross ist und dann eigentlich doch wieder klein. Es ist hier
nicht anders als auf der schwäbischen Alb, in den Red Rocks bei Las
Vegas oder in Finale Ligure. Wird es warm, so krabbelt die Ameise Mensch
aus ihrem schattigen Haufen und tummelt sich im Grün. Wie wenig braucht
es doch zum Glück. Ich könnte jederzeit hier leben, das lerne
ich, und habe noch vor kurzem geglaubt, Obstalden sei mein endgültiges
Schicksal, meine letzte Destination.
Eine Gruppe behinderter Menschen wandert der Sandsteinwand entlang, ernst,
blaue Helme auf dem Kopf. Die Betreuer spannen Seile, die Behinderten versuchen
ein paar Griffe und Tritte auf den sandigen Platten, unterstützt vom
Seil. Ein Mann ist wirklich so schrecklich verkrüppelt, wie man sich
den Glöckner von Notre Dame vorstellt. Mit ernstem Gesicht kommt er
dahergehumpelt, der Helm sitzt schief auf der schiefen, spindeldürren
Gestalt, eine Goldrandbrille auf seiner Nase. Wahrscheinlich leidet er an
Muskelschwund. Ernst, ohne eine Bewegung des Gesichtes, arbeitet er sich
durch einen Kamin hinauf, windet sich, drückt und zappelt. Ein Betreuer
packt seine Füsse und setzt sie von Tritt zu Tritt. Ist das die grosse
Freude oder die grosse Qual? Der Mann, von unendlichem Leiden gezeichnet,
verät mit keinem Laut, mit keinem Wimperschlag, was er fühlt.
Ein schmaler Grat trennt Freude und Leiden.