LOND-ON-LINE 5.3.

Hadrawi, der grösste Poet Somalias, sitzt zurückgelehnt
vor der Bühne mit dem roten Vorhang im düsteren Theatersaal der
Toynbee Hall, einer Art Sozial- oder Gemeinschaftszentrum an der Commercial
Street im East End, gegründet 1884 von Arnold Toynbee, der sich eine
Art Missionsstation für die Armen im eigenen Land vorstellte. Hier
sollten Gelehrte aus Oxford und Cambridge Kultur und Bildung vermitteln
wie die frommen Brüder und Schwestern in den Kolonien in Afrika und
Indien. Heute haben sich die einstigen Wilden in der Hautpstadt niedergelassen,
als Bürger des Commonwealth oder als Flüchtlinge, wie Hadrawi,
der ein überaus würdiger Herr ist mit knochigen Gesichtszügen,
grauem Haar, ganz in sich ruhend. Links von ihm sitzt ein junger Somali
mit lächelndem Vollmondgesicht, ein Verwandter, rechts ein kantiger
Äthiopier in perfektem Grau, aber ohne Krawatte. Hadrawi ist ein politischer
Gegner von Siad Barré und lebt deshalb im Exil in London, sie hoffe
glücklich, sagt die Dame, welche die Lesung einleitet, und über
das Gesicht des Dichters fliegt ein kurzer Schimmer von Trauer.

Am «Poetry festival» nehmen Somalier, Bengali und Briten teil,
eine karge Schar hat sich im Theater versammelt, farbig die meisten. In
der traditionellen Gesellschaft dagegen, so übersetzt der Junge ein
Essay Hadrawis, sei Poesie ein Massenmedium gewesen, wie heute Fernsehen
und Radio. Gedichte trugen die Botschaften ins Land, das Wort war die Waffe.
Dann reicht man Hadrawi ein Buch und er liest, nein, er erzählt und
formt dazu mit den Händen die Bilder, der Äthiopier übersetzt
und lacht manchmal, und auch der Junge strahlt, es ist eine ernsthafte und
fröhliche Lesung. Die Geschichte hat eine Vorgeschichte und diese wiederum
eine, und es vergeht lange Zeit, bis irgendwann in dem Erzählfluss
die eigentliche Geschichte beginnt, oder das Gedicht, was auch immer.

Es geht um einen jungen Mann und eine junge Frau, die
sich kennenlernten und liebten, doch eines Tages machte sich die junge Frau
auf den Weg, wanderte in den Urwald, weit, und an einem ganz menschenleeren
Ort liess sie sich nieder und lebte dort, liess ihr Haar wachsen und ihre
Kleider zerfetzten. Der junge Mann, der aus einem andern Dorf stammte, fragte
einmal nach ihr, da wies man ihm den Weg, er wanderte ebenfalls in den Urwald,
bis er seine Geliebte fand. Da standen sie nun und schauten sich an. Weder
er noch sie brachten ein Wort hervor, und es dauerte zwölf Tage, bis
sie endlich miteinander sprechen konnten. Sie sprachen und sie näherten
sich, bis auf etwa Armlänge, sie erzählten sich alles, aber sie
blieben dabei stehen, sie berührten sich nicht, und sie sprachen und
machte dazu Gesten und sprachen auch mit ihren Körpern. Aber nie kamen
sie sich näher, und das dauerte Jahre, bis sie spürten, dass Zweige
durch ihre Zehen wuchsen und sie am Boden festhielten, so dass sie sich
gar nicht mehr vom Fleck bewegen konnten. Immer fesselten Ranken und Wurzeln
ihre Füsse, der Mann und die Frau, die alt geworden waren, redeten
noch immer, bis sie sich schliesslich einander zuneigten, und sich gegenseitig
ein Wort ins Ohr flüsterten, dass niemand je erfahren wird, und dann
starben sie. Und nun wuchsen sie ganz ein, ihre Skelette waren so dicht
umrankt von Gebüsch und Pflanzen, dass es von aussen aussah als wären
sie eins, als wären sie ein alter verwilderter Baum. Hirten lagerten
unter ihm mit ihrem Vieh und ahnten nicht, was die Ranken und Blätter
für ein Geheimnis bargen.

Die Lesung zog mich ganz in ihren Bann, obwohl ich die Sprache nicht verstand
und die Übersetzung das Gedicht auch nur der Spur nach wiedergab, doch
ich spürte den heiteren Ernst der traurigen Geschichte, einer afrikanischen
Version von Romeo und Julia, nur viel edler, nicht so blutrünstig und
mittelalterlich. Am Morgen hatte ich in einer Zeitung gelesen, dass in der
Schweizer Literatur heute Sex und Sadomao gefragt ist, nach der Innerlichkeit
und der neuen Sensiblität. Die drei edlen Afrikaner machten mir wieder
Mut: Literatur kann doch noch mehr sein als Prostitution.

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