Als der Boden unter meinen Füssen wegfällt, das
neblige Zürich, die rauhreifbehangenen Bäume, als die Strassen
kippen und die Hügel Kopf stehen, da wird mir bewusst: Nun beginnt
das Neue. Es beginnt mit dichtem Nebel, Wolkenfetzen, Wolkenschluchten,
dann bricht die Sonne durch, wir tauchen aus dem bewegten Meer. Im Süden
steht der Bogen der Alpen, dunkelblau, vom Mürtschenstock bis zum Montblanc,
die weite Spanne der Erinnerungen, als wollten sie mich grüssen: der
Glärnisch, der Tödi, das Schreckhorn. Es war einmal.
«Jeder Tag dieser Trennung», so habe ich zu Chris gesagt, «wird
uns dem Wiedersehen näherbringen.»
Chris hat darauf erwidert: «Jeder Tag des Lebens, so sagt man schon
bei Neugeborenen, bringt uns dem Tod näher.»
Ist das Trost oder Verzweiflung? Ich weiss es nicht. 27 Jahre sind wir fast
jeden Tag zusammengewesen, die letzten Jahre im gemeinsamen Büro. Das
Neue heisst auch Alleinsein.
Im Tages-Anzeiger lese ich hoch über den Wolken, dass er nun täglich
auch als Internet-Ausgabe erscheinen wird. Es begleiten mich also nicht
nur die Erinnerungen und Hoffnungen, es begleitet mich die Datenwelt, ich
reise von einem Dorfteil auf diesem Globus in den andern, der eine heisst
Obstalden, der andere London.
Hier angekommen, nach sechs Stunden Autofahrt, Flug, Underground, ist schon
der Fax da von Chris. Auch die Liebe ist grenzenlos und schwerelos und fliegt
dank Elektronik mit Lichtgeschwindigkeit. Doch ich habe vorgegriffen. Die
Ankunft: eine lange Warteschlange für Nicht-EG-Passbesitzer, eine kurze
für EG-Reisende. Wir sind, so geht mir in beim Warten durch den Kopf,
die Appenzeller Europas geworden, die Aussenseiter, die komischen, knorrigen
Bergler auf dem Sonderpfad. Im Tages-Anzeiger stand auch, dass Helmuth Kohl
in einer düsteren Rede die europäische Einigung als einzige Chance
zur Erhaltung des Friedens bezeichnet habe, und für einmal sind der
deutsche Bundeskanzler und ich derselben Meinung.
Was ich schreibe in London, fragt der Immigration officer, ficton or non
fiction?
«Fiction», sage ich.
Er notiert sich das, drückt den Stempel in den Pass.
Kalt und grau empfängt mich die Stadt, ich schleppe meinen Rucksack
und den Koffer mit den Rollen durch Strassen, über die der Wind Plastiksäcke
weht und Papierfetzen. Dann stehe ich in der Smithy Street, klopfe, bekomme
von meinen Nachbarn den Schlüssel. Ich bin angekommen. In der Wohnng,
zwei Zimmer, Bad, eine Kochecke, riecht es noch nach dem Rauch meines Vorgängers.
Beim Telefon liegt der Fax von Chris. Ich schalte die Heizung ein, mache
einen Tee.