Schickt einen Philosophen nach London; beileibe keinen Poeten!
Schickt einen Philosophen hin und stellt ihn an eine Ecke von Cheapside,
er wird hier mehr lernen als aus allen Büchern der letzten Leipziger
Messe; und wie die Menschenwogen ihn umrauschen, so wird auch ein Meer von
neuen Gedanken vor ihm aufsteigen, der ewige Geist, der darüber schwebt,
wird ihn anwehen, die verborgensten Geheimnisse der gesellschaftlichen Ordnung
werden sich ihm plötzlich offenbaren, er wird den Pulsschlag der Welt
hörbar vernehmen und sichtbar sehen, denn wenn London die rechte Hand
der Welt ist, die tätige, mächtige rechte Hand, so ist jene Straße,
die von der Börse nach Downingstreet führt, als die Pulsader der
Welt zu betrachten.
Aber schickt keinen Poeten nach London! Dieser bare Ernst aller Dinge, diese
kolossale Einförmigkeit, diese maschinenhafte Bewegung, diese Verdriesslichkeit
der Freude selbst, dieses übertriebene London erdrückt die Phantasie
und zerreisst das Herz.
Heinrich Heine, Reisebilder, Englische Fragmente, 1828.

Grau ist der Morgen, als ich mich an eine Ecke von Cheapside stelle,
wie Heinrich Heine vorschlägt, obwohl ich kein Philosoph bin und auch
kein Poet. Das heisst, ich nähere mich durch eine Seitenstrasse der
Ecke, an der bereits eine schwarze Frau an der Granitmauer lehnt, das Mobiltelefon
am Ohr. Es herrscht also tiefster Alltag, büromässig gekleidete
Damen und Herren streben eilig und ernst ihren Arbeitsplätzen zum,
Taxis, rote Zweistockbusse, Lastwagen auf der Strasse und vorn, gegen St.
Pauls, steht ein Polizist in einem Glashaus auf der Verkehrsinsel, der eiserne
Ring, der die City vor Bombenanschlägen schützen soll. Ich bleibe
auch nicht stehen, denn von der Yorkshire Bank herab nimmt mich eine Videokamera
ins Visier, also wandere ich der Strasse entlang, von der Heine geschrieben
hat, sie führe von der Börse nach Downing Street, also vom Finanz-
zum Politzentrum, was denn doch etwas übertrieben ist, Nr. 10 ist sozusagen
auf der andern Seite der City. Ach, diese Literaten, wenn doch die Welt
nur so bedeutungsvoll arrangiert wäre, wie sie es wünschen.
Cheapside erinnert mich sofort an die Zürcher Bahnhofstrasse, etwas
gesichtslos, weisse Fassaden mit leeren Fenstern, also der ewige Geist weht
mich nicht gleich an, eher Abgas. Aber es zerreisst mir auch nicht gerade
das Herz. Ghana Commercial Bank, Manpower, Fleurop, Thomas Cook Travel,
Banca della Svizzera Italiana, Intersport, British Airways, National Westminster,
Lloyds Bank, Gerüste, eine Baustelle, The Scottish Life Assurance Company,
United Colours of Benetton, Midland Bank, Health and Beauty, Barclays, American
Express, Body Shop, Clinton Cards, nicht Bill, sondern Geschenkartikel und
Gratulationskarten, im Schaufenster Bären und Hunde. So, das wärs
dann etwa, da sind die Namen und die Marken und die Geldstuben der Welt
versammelt wie etwa überall.
Ich wende mich also, wie auch Heinrich Heine, Old Baily zu, dem berühmtesten
Strafgericht Englands, Central Criminal Court, weithin erkennbar durch die
goldene Gerechtigkeit auf der höchsten Spitze, die dort mit ausgebreiteten
Armen und offenen Augen gegen Westen schaut, in der linken Faust die Waage,
in der rechten das Schwert. The honorable Mr Justice Mitchell wird um halb
elf im Gericht Nr. 2 das Verfahren gegen B leiten, lese ich im Anschlagkasten,
und wie ich später vernehme, geht es um Mord. Old Baily war im Volk
offenbar nie recht beliebt, im 12. Jahrhundert stand da schon ein Gefängnis,
1381 zerstörten es aufständische Bauern, 1866 das grosse Feuer,
1780 nochmals Aufständische während der sogenannten «Gordons
Riots», im letzten Jahrhundert wurde Old Baily abgerissen, 1907 neu
eröffnet und im zweiten Weltkrieg fielen wieder Bomben auf das Gebäude,
in dem seit 1539 gegen Kriminaltäter verhandelt wird. Früher wurden
sie im Hof gleich gehenkt. Die 19 Kammern erledigen heute 1700 Fälle
pro Jahr.
Old Baily ist aber auch, ein bisschen zynisch gesagt, Theater live, zum
Nulltarif. Heine musste noch einen Schilling bezahlen, ansonsten ist aber
eigentlich fast alles gleich wie zu seiner Zeit. Die Richter und Anwälte
tragen schwarze Roben, der Vorsitzende rot, steife weisse Kragen und altmodische
Perücken mit Locken beidseits und hinten einem Zöpfchen. Bei zwei
Anwältinnen quillt das dunkle Naturhaar neckisch unter den gelblichen
Kunsthaarkappen hervor, «unheimlich mürrisch, so wahnsinnig ernst»
wie 1827 schauen sie auch nicht mehr durch ihre Brillen auf die Aktenberge,
die sich vor ihnen türmen. Wahrscheinlich musste Heine auch nicht durch
den Metalldetektor schreiten und sich nach Waffen abtasten lassen. «Hinter
welchem Fall sind Sie denn her?» fragt der Polizeibeamte.
«Nummer 2», sage ich. Alles klar.
Der Saal ist gediegen ausgestattet mit Holztäfer, Schnitzereien, hinter
dem Richter eine griechische Tempelfront aus Holz, daran hängt ein
goldenes Schwert und erinnert an die rollenden Köpfe von einst. Auf
die grünen Ledersessel sind goldene Kronen geprägt, ich sitze
hoch auf der Besuchergalerie, neben mir ein verhärmtes älteres
Ehepaar, das entweder etwas mit dem Fall zu tun hat oder dann ebenfalls
gratis Unterhaltung sucht. Ich begehe natürlich den Faux-Pas, beim
Eintritt des vorsitzenden Richters nicht aufzustehen, und werde von der
Saaldienerin (gabs auch schon 1827) in den Rücken gestupft.
Es ist also wie im Kriminalfilm. Vor 18 Jahren verschwand die junge Lynn,
ein Babysitter, befreundet mit F, mit dem sie der Angeklagte B letztmals
gesehen haben will. Steinern sitzt der Mann auf dem Stuhl, erhöht über
den Anwälten, gleich hoch wie der Oberrichter, graue Haare über
eine Glatze gezogen, ein grauer Bart, grauer Anzug, graue Krawatte, eine
grosse Narbe auf der Stirn. In sich versunken hört er zu, was er vor
18 Jahren einem Polizeioffizier zu Protokoll gegeben hat, der jetzt im Zeugenstand
steht und seine Fragen von damals nochmals aus dem Akten lesen muss, der
Staatsanwalt liest die Antworten, die B damals gab, es ist wie Psychodrama.
Minutiös rekonstruiert der Staatsanwalt die Minuten jenes Tages, an
dem der Mord geschah, mit einem Messer aus dem Haushalt von B, verdächtigt
jedoch wurde damals F, ein Schwarzer. Justice Mitchell beugt sich vor, er
scheint schlecht zu hören, manchmal stellt er eine Frage. In einer
Ecke des Saales sitzen zwei Frauen, eine in Schwarz, vielleicht die Mutter
des Opfers oder die Frau des Angeklagten, der damals seit zwei Jahren verheiratet
war. Er sei an jenem Abend zum Haus seiner Eltern spaziert, sagte er aus,
aber nicht hineingegangen, weil er seinen Stiefvater hasste. Wäre er,
dann hätte er jetzt ein Alibi. So hart ist das Leben.
Also wenn wir schon bei Mord sind: 1284 versteckte sich Lawrance Dubet,
ein Mörder, in der Kirche St. Mary-le-Bow, die schon seit dem 11. Jahrhundert
in Cheapside steht, Heine hat sie offenbar übersehen oder nicht für
erwähnenswert befunden. Sie ist jedoch das Herz Londons, denn nur wer
im Klang der Bow Bells aufgewachsen ist, ist ein echter Londoner Cockney.
BBC sendete den Glockenschlag als Pausenzeichen im Zweiten Weltkrieg, und
die Kinder kennen die Bow Bells vom Reim «Oranges and Lemons».
Selbstverständlich hat Christopher Wren, wer den sonst, St. Mary-le-Bow
nach dem grossen Brand entworfen, auf dem spitzen Turm schwebt ein herrlicher
goldener Drache über den Banken und Versicherungen der City. Also,
Dubet, der Mörder, wurde von Angehörigen des Opfers aufgespürt
und in der Kirche drin gehenkt, so, als habe er sich selber gerichtet. Eine
schauriger Ritualmord muss das gewesen sein, damals im finsteren Mittelalter,
die an der schwarzen Messe beteiligten 16 Männer wurden später
geköpft, eine Frau verbrannt.
Die heutige Welt ist zum Glück heiterer, sehen wir einmal von Old Baily
ab, ich besuche nach der Gerichtsverhandlung ein Mittagskonzert von drei
jungen Musikern in St. Mary-le-Bow, Violine, Cello, Flügel, Stücke
von Prokofieff, Moeran, Bruch und Mendelssohn, hervorragend interpretiert,
beste Akustik und das alles ebenfalls zum Nulltarif. Dann steige ich hinab
in die Krypta, wo sich das stimmungsvollste und beste vegetarische Restaurant
Londons befindet, «The Place below», bestelle einen hervorragenden
Kartoffelgratin mit Salat zu 4.75, Fruchtsaft, frisches Vollkornbrot, ich
speise gemütlich in dem gelblichen Sichtsteinmauerwerk aus Portland-Kalk,
unter weissen Gewölbebögen (daher der Name Bow!), schaue dabei
den vier Köchen und den zwei Köchinnen in der offene Küche
zu, wie sie fleissig und fröhlich rüsten und schnetzeln und dünsten
und bruzzeln, dann lass ich mir noch eine Tasse geben, Cappuccino gibts
in Selbstbedienung und soviel man will! Also «cheaper» als in
Cheapside geht es in London nicht mehr. Lieber Heinrich, Dein Tip war gut.
Klassische Musik, Geschichte und Geschichten, das Welttheater und das Justiztheater,
alles «free» und schliesslich noch Kaffee, «unlimited».