Seit zwei Jahren zermartert sich Thomas das Hirn, ein Gerät zum Messen des aufsteigenden Wassers in Baumstämmen, das müsste doch nützlich sein, zum Beispiel für die Forschung in Regenwäldern, für die Ökologie überhaupt. Natürlich kann man das Wasser messen, dass sich in den Kapillaren des Holzes nach oben bewegt, ganz einfach, man bohrt ein Loch in den Stamm, und zehn Zentimeter höher oben noch eines, setzt Temperaturfühler hinein und hängt einen Computer dran. «Verstehst Du mich überhaupt?»
«Ja, ja, so mehr oder weniger», sage ich. Nehme einen Schluck Lager. Auch Thomas greift nach dem Glas, es ist aber das leere, das volle steht daneben. Rot leuchten die Lampen im Blind Beggar, die Frau hinter der Theke läutet mit der Glocke. Es ist elf, man darf nochmals bestellen. Ich beobachte schräg über dem Tresen einen Mann, der sich an eine Frau heranmacht, die allein an einem runden Tischchen sitzt.
«Half pint», sage ich. Thomas fordert von der Frau Papier, Bleistift, ja, den kleinen Block und dann noch ein grosses Blatt, zum Beispiel einen der Papiersäcke, die an der Wand hängen. Sie schüttelt den Kopf. Dann klatscht sie den Papiersack auf die Theke, er bleibt auf dem verschütteten Bier kleben.
Thomas hat mich angesprochen, was äusserst ungewöhnlich ist im Pub, hat gefragt, ob er sich zu mir setzen dürfe. Zuerst habe ich kein Wort verstanden. Ire sei er, hat er gesagt.
«Von welchem Teil Irlands?»
«Es gibt nur ein Irland.»
«Ach so, ja, natürlich.» Er stammt aus der Nähe von Belfast. Reisst ein Hosenbein hoch, stellt den Fuss auf den Barhocker, sein linker Unterschenkel ist vollständig vernarbt, sieht aus wie ein verschmorter Hühnerhals. «Da bin ich mal aus einem brennenden Haus entkommen.» Auch sein Gesicht wirkt narbig, irgendwie starr, als sei er aus dem Wachsfigurenkabinett entlaufen, Abteilung Horror.
Ja, das politische System der Schweiz findet Thomas schon gut, in Jahrhunderten gewachsen, er hat darüber gelesen. «Weisst Du, die Leute haben einfach kein Geschichtsbewusstsein mehr.» Thomas aber interessiert sich für Geschichte. Literatur auch. Geologie? Da ist er Experte. Er skizziert in groben Strichen die europäischen Kontinentalplatten. Spricht von den Felsen, den Gebirgen, der Ewigkeit.
«Ich bin Bergsteiger», werfe ich ein. Das ist er natürlich auch, und wie! Er patscht mir mit den Händen auf die Arme, die Schultern, nähert sein Gesicht ganz dicht dem meinen, seine Augen flackern hinter dicken Brillengläsern, Biergeruch schlägt mir in die Nase.
«Was tust Du hier?»
«Ich schreibe, ich bin Schriftsteller.»
Das ist Thomas natürlich auch, selbstverständlich. Nebenbei allerdings. Im Hauptberuf: Zimmermann, und zwar einer der allerbesten. Grosse Baustellen hat er geleitet, bis vor sechs Jahren, dann war alles aus, die Bauwirtschaft brach zusammen. «Pffffft», macht er, wie wenn einem Ballon die Luft entweicht. Aber wirklich eigentlich ist sein Beruf Elektronik-Ingenieur!
«Ja, das war ich auch einmal», sage ich. Er nimmt es kaum zur Kenntnis. Fragt nur beiläufig: «Studiert?»
«Ja, an einer Ingenieurschule.»
Jetzt sind wir wieder beim Thema. Also, seit zwei Jahren zermartert er sich das Hirn, wie man ein Gerät bauen könnte, um die aufsteigende Feuchtigeit in Bäumen zu messen. «Und zwar zerstörungsfrei, verstehst Du! Ohne Löcher in den Stamm zu bohren! Es müsste ein Gerät sein, das man einfach an den Stamm halten kann, Knopfdruck, und dann die Liter pro Minute ablesen.»
«Das sollte doch irgenwie möglich sein», pflichte ich bei. «Hast Du schon einen Versuchsaufbau gemacht?»
«Nein, alles da drin!» Er tippt sich an die Stirn. «Verstehst Du mich überhaupt?»
Ich verstehe ihn. Also, das Problem, so sagt er, sei die Spule. Man müsste eine Spule um den Stamm legen können und Wechselspannung anlegen. Aber wie? Dazu müsste man ja die Spule auftrennen. «Das ist das Problem! Wie kriege ich die Spule um den Stamm?»
«Mit welcher Frequenz würdest Du denn messen?» frage ich. «Je nach dem würde eine Spule ja ganz andere Dimensionen und Windungszahlen haben.»
«Frequenz? Ist nicht so wichtig.» Er wedelt mit der Hand, als ob er das Detail vom Tisch wischen würde. «Weisst Du, ich habe jetzt gerade keinen Computer und kein Internet und so. Deshalb…» Er schlägt sich mit der flachen Hand an die Stirn. «Da drin steckt alles.»
«Ich bin sicher, dass es eine Lösung gibt», sage ich.
Er schreibt seinen Namen auf einen Zettel. Thomas, Noel, und noch einen dritten, den ich nicht entziffern kann.
«Drei Vornamen hast du?»
«Gewiss», sagt er. «Das ist ja das Problem.» Er greift nach dem Bierglas, das noch voll ist, und wendet sich ab. Die Dame hinter der Theke läutet zum zweiten Mal die Glocke.
«Ja, ich muss dann wohl», sage ich, und gehe.