Lond-on-line 4.5.

Jeden Samstag um elf Uhr steht Laurie Allen an der U-bahnstation Aldgate East, weisshaarig, mit Hornbrille, ein blaues Mäppchen in der Hand. «Aldgate» hiess früher eigentlich «Old Gate», hier war ein Stadttor, hier begann das East End, Tower Hamlets, die Dörfer im Umkreis des Tower. Man übte mit Waffen, Artillery Lane, Gun Passage, die Namen sind die Geschichte. Pettycoat Lane, der Name des berühmten Sonntagsmarktes, stammt von «Petite Coat», nach den Hugenotten, die hier Maulbeerbäume pflanzten, Seideraupen zogen und woben. Eine Pettycoat Lane allerdings gibt es nicht, der Markt findet in der Umgebung der Middlesex Street statt.

Laurie Allen sagt, er würde die Führung auch für einen Einzelnen machen, heute sind wir sechs, nicht schlecht, drei Schweizer, ein kanadisches Ehepaar, ein Student aus den USA. Laurie war einst Koch, dann Kurier bei London Transport, im Kontrakt, also nicht fest angestellt. Dann: Keine Arbeit mehr. Er musste sich etwas einfallen lassen. Ging auf einen Jack the Ripper Walk, sagte sich, das kann ich auch, schliesslich bin ich hier aufgewachsen.
«Ich bin ein Cockney», stolz sagt er das. Zeigt die Canon Barnett School, wo der Lehrer Laurie und drei weitere Schüler am ersten Tag nach der Besammlung zur Seite nahm, alle andern waren Juden. Heute ist die Schule zu 100 Prozent bengalisch.

Laurie ist autodidaktischer Lokalhistoriker. Seine Führung ist getragen von seiner Liebe zum East End und seiner Geschichte. Man grüsst ihn da und dort. Stolz führt er uns uns in den Hof der Toynbee Hall, ein Quartierzentrum mit Tradition. Hier unterrichteten schon im letzten Jahrhundert Gelehrte die armen East Ender, heute gibt es multikulturelle Veranstaltungen, Kurse, einen Jugenddtreff. «Eine stille Oase.» Laurie zeigt, welchen Trakt die Königin Mutter, welchen Prinz Charles eingeweiht hat. Und die Kinderkrippe, wo Prinzessin Diana mit Eastendern tanzte. «Die Royals kümmern sich ums East End.»
Ein bisschen aufdringlich fast verschafft uns Laurie auch Zugang zur berühmten 18 Folgate Street, wo Dennis Severs, ein Kalifornier, das Haus ganz im Stil der Hugenotten ausgestattet hat, düster und kühl stehen die alten Porzellanvasen und Kristallgläser auf gestickten Tischtüchern, da liegt die Meerschaumpfeife und das Silbermesser, die Lebenswelt der hugenottischen Flüchtlinge, die seit dem frühen 18. Jahrhundert nach England kamen, und heute vollständig in dieser Gesellschaft aufgegangen sind, ist sinnlich gegenwärtig. Dennis empfängt Gäste mit einer traditionellen Bowle, in der exakt gleichen Schale, wie sie auf dem Ölgemälde an der Wand abgebildet ist, und darin steht die exakt gleiche Silberkelle.

Der Amerikaner schlief zuerst in jedem Raum des Hauses aus dem Jahr 1724, um zu «hören», was es ihm erzählt. Er kaufte es 1967 als Ruine. Jetzt lebt er exakt wie einst, kocht auf dem Feuer, heizt mit dem Kamin und braucht Nachthafen und Kerzenlicht. Kein Museum soll es sein, sondern eine rückwärtsgewandte Welt, Severs sagte seiner kalifornischen Herkunft und ihren materialistischen Werten ade.

Lauries Führung, Gang durch Geschichte und Geschichten, endet vor den Granitfassaden von Bishopsgate.
«Kannst Du von den Walks leben?» frage ich beim Bier. Durch sein Lächeln bricht die Sorge, fast Verzweiflung will mir scheinen. Die Rechnung ist schnell gemacht. Sechs mal vier Pound hat er eingenommen. Er könnte sich niemals die 2000 Pound leisten, die ein offizieller Stadtführer bezahlen muss für die Konzession. So versucht er jetzt, sein eigenes Unternehmen aufzubauen, bietet weitere Walks an, einen «Three Park Walk» zum Beispiel. Doch die Konkurrenz ist gross. Laurie hofft, dass sich das ganz Besondere seiner Art herumspricht.
Wir verabschieden uns, er bleibt vor dem halbleeren Bierglas sitzen.


Hier sein Telefon: Laurie Allen: 0171 377 8504

Zurück zu Lond-on-line Verzeichnis