Seine rechte Hand ist verkrüppelt, zwei Finger weg, Major Cotton hat wohl des öfteren in seinem Leben vier Bier bestellt, vielleicht
hatte er ja noch alle Finger, als er mit neunzehn zur Armee ging,
gerade beim Ausbruch des Krieges. «Ich hatte keine Wahl», sagte
er. Doch bei der Armee habe es ihm immer gefallen. Ägypten zuerst,
Afrikafeldzug, Italien, die alliierte Invasion, dann Deutschland.
Major Cotton spricht deutsch, doch über den Krieg spricht er nicht.
Wegen den Fingern mag ich ihn auch nicht fragen, «ach, das ist
ja alles schon so lange her», sagt er und sein Gesicht zuckt,
ein Tick.
Nach dem Krieg blieb er bei der Armee, kam in der Welt herum,
zwei Jahre auf den Bermudas seien die schönst Zeit gewesen, «buchstäblich
Ferien». Einmal hat er auch Korea erwähnt, dort habe ihn ein Kollege
zum Klettern in die Klippen mitgenommen, Todesangst habe er ausgestanden.
Der Tod, so stelle ich mir vor, ist diesem freundlichen alten
Herrn vertraut, er war Major einer kämpfenden Einheit. Ich sitze
in seinem Wohnzimmer auf einem kleinen Sofa, er stellt ein Täfelchen
auf einen Ständer, blättert in ein paar Büchlein und Zetteln.
Ein hervorragender Privatlehrer, acht Pound die Stunde, doch die
Stunde dauert stets fünfundsiebzig Minuten.
Ich erzähle ein bisschen von meinem Militärdienst, und wie das
in der Schweiz so organisiert ist. Funkgeräte habe ich repariert,
bis sie veraltet waren, dann in Gebirgskursen eine Klasse geführt
zum Skifahren und Klettern, «buchstäblich Ferien». Nebenbei korrigiert
mich Mr. Cotton, flicht ein bisschen Grammatik ein, lässt mich
vorlesen oder einen Cambridge-Test probieren. So macht Lernen
Spass. Wir blättern durch eine Konsumentenzeitschrift, da stehen
schwierige Wörter drin. «Gadget», das kann ein Apparat sein, eine
Art Werkzeug, irgend so ein Ding um etwas zu machen damit. Man
kann das Wort eigentlich nicht übersetzten.
Unterrichtende, so ist mir in letzter Zeit in der Erwachsenenbildung
immer stärker bewusst geworden, sollten Menschen mit Lebenserfahrung
sein, Menschen, welche ihren Stoff im Leben geprüft haben, nicht
nur angelernt und angelesen oder allenfalls im Labor ausprobiert.
Lernen sollte man von lebenserfahrene Menschen, die wissen, was
wichtig ist und was eben weniger.
Major Cotton war im Krieg, war überall auf der Welt, hatte auch,
so lese ich auf einem Kleber, in Kent eine Farm und eine Sprachschule,
hatte auch drei Söhne, einer ist gestorben. Im Korridor begegne
ich manchmal seiner Frau, einer stillen alten grauen Dame. Und
glücklich verlasse ich jedesmal das Haus, wandere durch die gediegene
Stasse im West End, in der er heute wohnt und ein wenig von seiner
Weisheit weitergibt.