Lond-on-line 4.3.

Die Erfindung des schweizerischen Kartoffelschälers datiert
ins Jahr 1941, lerne ich auf dem Sonntagsmarkt in der Petticoat Lane, jedenfalls
behauptet es der Cockney, der diese handlichen Metallbügel mit der
geschlitzten Schälklinge anpreist, das Stück zu 2 Pfund, drei
Stück zu 5, schon Mutter hat sie verwendent, vielleicht auf dem Walder
Jahrmarkt gekauft, doch so fix, wie der Bursche die Kartoffeln blankschabt,
war nicht einmal sie, und dazu schwatzt er noch viel schneller, die Leute
staunen.
«Kennen Sie dieses Ding?»
«Klar, ich bin Schweizer.»
«Grüezi mitenand.» Und er lacht und schält und schwatzt
und verkauft und die Menge quillt vorbei zwischen den Ständen mit Kleidern,
Schuhen, CDs, Lederjacken, Koffern, Gewürzen und Strickwaren und was
das Leben sonst noch so fordert an täglichem Kram.
Vielleicht, so denke ich, hat wirklich ein Schweizer den patenten Kartoffelschäler
erfunden, im Kriegsjahr 1941, zur Rationalisierung des Kartoffelspitzens
für die Suppen im Aktivdienst und Friedrich Traugott Wahlens Anbauschlacht.
Die Schlacht um England hatten die Deutschen bereits verloren.

So holt uns die Geschichte allüberall ein, selbst im Gedränge
eines Marktes, der am Sonntag stattfindet, weil die Juden samstags den Sabbath
feierten. Schon im 17. Jahrhundert war hier Markt, die Middlesex-Street
markierte die Stadtgrenze und ausserhalb galten andere Gesetze, die den
Handel offenbar begünstigten. Eine «Pettycoat lane» gibt
es im Stadplan allerdings nicht, der Volksmund taufte den Markt so, weil
hier die ersten Unterröcke auftauchten und die Mädchen und Mütter,
die Mägde und Prostituierten faszininierten. Die Hugenotten brachten
die «petite coats» in Mode.

Beinahe hätte mich ein Nachkomme des billigen Jakob dazu überredet,
ein rotierendes Plastikgerät zu kaufen, mit dem er aus Kartoffeln und
Gurken wunderschöne Spiralen windet, zum Backen und Garnieren, doch
sein Geschick habe ich nicht, sagte ich mir und drängte mich weiter,
durch die Menge, in der sich auffallend viele füllige schwarze Schönheiten
zeigten, in schwarzer Lederjacke und schwarzen Strumpfosen (no pettycoat),
mit hundert schwarzen strammen Zöpfchen um das runde Lächeln und
rosa Lippen und Duft vom Parfümstand. Und durch all die andern Leute
aus London und Europa und Übersee, die diesen Walder Jahrmarkt im Grossformat
besuchen.
«Ist das auch sauber?» höre ich eine besorgte Stimme in Zürichdeutsch
aus dem Gewühl.

Dann überquere ich Bishopsgate und tauche sogleich vom Leben in die
Grabesstille moderner Marmorarchitektur, durchwirkt mit Mahagoni und Gold:
Hier beginnt abrupt das Reich der Banken, der Finanzplatz Nummer 1 der Welt,
der Broadgatekomplex: Barclays, National Westminster und die «European
Bank for reconstruction and developement», die ein einmal Schlagzeilen
machte, weil ihr Direktor mehr in die Schalterhalle investierte als in den
Aufbau der Wirtschaft im Osten. Man sieht durch die Scheiben Granit und
Marmor und schweres Holz und Skulpturen und sechsspurige Rolltreppen, die
protzig und sinnlos wirken, ein einsamer schwarzer Portier sitzt an einem
Tisch. Irgendwo steht auch noch «Barings» auf einem Schild – ist
diese Bank nicht Konkurs? Nick Leeson, so stand in der Zeitung, habe seinen
Finanzmanipulationen mit Klebstift, Schere und Fax nachgeholfen, wie ein
Primarschüler wenn er den Lehrer hereinlegt, doch die tradtionsreiche
Bank krachte zusammen, trotz Marmor und Granit und Gold, mit 830 Millionen
Pound Schulden.

Einsam wandern Sicherheitsleute mit vorgehängtem Funkgerät durch
die tote Steinstadt, die Shops unter den neuen Arkaden sind entweder ausgeräumt
oder haben Ausverkauf, gegen den Innenhof hängen vor der weiten Fassade
der SBG kreuzweise rosa Marmorquader und erinnern an Schweizerkreuze oder
Gefängnisgitter. Ihren Reichtum gründet die Bank wohl nicht auf
der Wertarbeit der Kartoffelschäler, sondern eher auf dem Plan Wahlen
und in seiner Folge auf der Errettung des internationalen Fluchtgeldes im
letzten Weltkrieg. Doch wir wissen ja: Die SBG unterstützt auch die
Armen Londons und hat auch den armen Pfarrerssohn Christoph Blocher unterstützt,
als er die Ems Chemie übernahm. Einem Leeson wäre sie wohl nicht
auf den Kleister gekrochen, die SBG hat auch Rey nie Geld gegeben.

Doch weg mit den trüben Gedanken, denn jetzt weht zarte Musik an mein
Ohr, im weiten Innenhof des Broadgatekomplexes tanzen auf einer runden Bühne
auf Kunsteis süsse kleine Ballerinas auf Schlittschuhen, weisse Strümpfe,
weisse Röckchen, weisse Mützchen aus Kaninchenfell. Die Eltern
stehen entzückt am Rand und zücken ihre Kameras. Oh, wie schön
ist doch die Welt.

Wenn doch nur die Strassensperre auf dem Bishopsgate nicht wäre, der
«eiserne Ring» um Londons City, Betonklötze auf der Fahrbahn
und Polizisten. Ein bisschen wieder die Erinnerung ans Réduit. Am
24. April 1993 ging am Bishopsgate eine Bombe hoch, noch vor dem Waffenstillstand
der IRA, und tötete den Pressefotografen Edward Henty von «The
News of the World», seine Frau Yasmina war aus Beirut nach London gekommen,
um dem Horror des Bürgerkriegs zu entkommen.

Tags darauf im Bus: «Wem gehört diese Tasche?» fragt eine
ältere Frau mit schwammigem Gesicht und Warzen auf den Backen. Sie
fragt immer lauter. Die jungen Schwarzen vor mir schwatzen weiter. Wir fahren
durch ein Quartier, in dem orthodoxe Juden ein- und aussteigen, mit Backenbärten
und schwarzen Hüten.
Die Frau beginnt zu schreien: «Da ist eine Tasche, wem gehört
sie?»
Die schwarzen Teenager lachen: «Da ist wohl eine Bombe drin.»
Auf dem Titelblatt meiner Zeitung riesengross und farbig der Bus, der gestern
in Jerusalem in die Luft flog, 18 Tote, das dritte Selbstmordattentat der
Hamas innerhalb von Tagen. Der Bus ist rot, sieht gerade aus wie ein Londoner
Bus.
Die Frau läuft zur Treppe, ihre Stimme überschlägt sich:
«Da oben ist eine Tasche, da oben ist eine Tasche, die niemandem gehört.»
Sie handelt richtig, wie es die Plakate, die überall hängen, verlangen.
Jede verdächtige Tasche sofort melden, Telefon 999.
«Die Tasche ist dem da», sagt ein schwarzes Mädchen. Dann
lachen sie. Hinten im Bus keifen die Alten in Cockney, ich verstehe sie
nicht.
Im Kletterladen höre ich dann die Meldung, dass wieder ein Bombe hochgegangen
ist, diesmal in Tel Aviv, 12 Tote.

Ohne Medien, so denkt man doch manchmal, gäbe es diese Bomben nicht,
denn sie hätten kaum Wirkung. So wie wir achtlos den Verkehrstoten
begegnen, die kein Medienthema sind, oder den hunderttausenden in Ruanda,
die ein Randthema sind. Ohne Medien gäbe es auch die Angst nicht, die
Hysterie. Die Medien sind wie die Verstärker im Regelkreis: richtig
eingestellt, stabilisiert er, verstärkt er zu stark oder zu schnell,
gerät das System aus den Fugen. Aber was heisst richtig? Für die
Regelkreise, die ich als Ingenieur berechnete, konnte ich Formeln anwenden,
Stabilitätskriterien. Bei der Gesellschaft versagen sie.

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