John nannte Maggie eine verrückte Kuh, das ist gewiss
die stärkste Metapher, die Premierminister John Major je für seine
Vorgängerin im Amt benutzt hat. Baroness Thatcher, seine einstige Mentorin,
die eiserne Lady, hatte sich erlaubt, dem Europagegner Sir James Goldsmith
finanziell unter die Arme zu greifen, der eine Referendumspartei zu gründen
droht, welche die Europafrage vors Volk bringen will. Major fand, Maggie
Thatcher hätte das Geld besser den Konservativen gegeben, sie haben
es nötig, Wahlen stehen an und ihre erste Kampagne ist total daneben
gegangen. Slogan: Yes it hurt. Yes it worked. Gemeint ist die radikale Liberalisierung
der Wirtschaft durch die Tory-Regierungen der vergangenen zwanzig Jahre.
Doch die Meinung der Mehrheit ist heute, dass die Tory-Politik zwar schmerzte,
aber nicht funktionierte. Beispielsweise bei der Bahn: Ein Riesendesaster,
seit Jahren keine Investitionen mehr, die Züge verrosten, die Preise
sind exorbitant, der Service immer schlechter. Wie, so fragt man sich, soll
denn die Konkurrenz bei der Eisenbahn funktionieren? Man kann ja nicht zwei
Linien parallel legen.
Allgemein nimmt man an, dass Labour in einem Jahr die Wahlen gewinnen wird,
die Wirtschaft dient sich Tony Blair schon an und umgekehrt, Europa hat
auf den Mann gesetzt, der sich so gut ausnimmt neben Bill Clinton, der ihn
ebenso gut mag. Heute verkündet Tony die Wahlplattform von Labour mit
dem zauberhaften Titel: «The British Dream». Ein paar Genossen
aus der eigenen Partei haben es dem Chef zwar übel genommen, dass er
allein und in der Stille seines Rosengartens in Islington das Papier überarbeitet
hat, ohne irgend jemanden zu fragen. Früher, da hat man doch über
Nebensätze in Parteiprogrammen einen Nachmittag lang diskutiert im
Stumpenraucht, doch heute heisst es eben: New Labour. Er müsse führen,
sagt Tony, und führt. Er ist der Leader.
Sein britischer Traum liest sich dann etwa so: «Wir wollen Familien
mit anständigem Einkommen, einem Heim, das erschwinglich ist und sicher,
qualitativ hochstehende Schulen für unsere Kinder, wir wollen ohne
Angst durch die Strassen gehen können und wenn wir krank werden, wollen
wir gemäss unseren Bedürfnissen behandelt werden, wir wollen Sicherheit
und Würde im Alter…» Das klingt anständig, das wollen eigentlich
alle Menschen auf der Welt. Das klassenkämpferische Trompetengeschmetter
ist warmen Klängen gewichen, die ans Herz greifen, das Wort «Sozialimus»
kommt in Tonys Wahlmanifest nicht mehr vor. «New Labour» sei «weder
alte Linke noch neue Rechte», sagt der neue Leader. Der Weg der Mitte
also. Trotzdem ist jetzt Konservativ auf den Slogan eingeschwenkt: New Labour,
New Danger. Klingt schon ziemlich reaktionär und wird wahrscheinlich
ebenso wenig ankommen wie der erste.
Britische Politik ist für den Fremden nicht leicht durchschaubar. Die
Sprache ist hart, siehe die verrückte Kuh , oder englisch «mad
cow». «Mad cow disease» hat das Verhältnis Englands
zu Europa in den vergangenen Monaten erheblich gestört, und das macht
die Metapher für die Störerin Lady Thatcher so stark, zudem sieht
sie, wenn man einmal ganz ehrlich sein will, ja wirklich aus, fast wie…
Die Sprache der britischen Politiker ist nicht nur verbal kräftig,
sondern auch nonverbal. Im ältesten Parlament der Welt wird zu den
Reden gebuht und gegröhlt und geklatscht von den Hinterbänken.
Leider ist es nicht zugänglich für Publikum, aber das Fernsehauge
der Nation wacht, und so kann sich auch der Fremde ein Bild des hemdsärmligen
Stils machen. Dicht gedrängt sitzen die Abgeordneten im Unterhaus und
im Oberhaus, da ist kein Platz für Zeitungen oder Aktenordner oder
Abstimmungsknöpfe wie in seiner Heimat. Sessionen kennt das älteste
Parlament der Welt nicht, es tagt unablässig, jahrein, jahraus, Montags
bis Freitags bis auf einige Ferienwochen und Feiertage, allerdings nicht
immer vollzählig. Es geht zurück auf Simon de Montfort, der dem
König Heinrich III im Jahr 1258 eine Versammlung der Barone – das heutige
Oberhaus – abrang, 1264 tagten in Westminster auch schon Vertreter der Landschaften
und der Städte. 1688 beschnitt die Bill of Rights die Macht des Königs
und schuf die konstitutionelle Monarchie.
Der Fremde schlägt sich natürlich an die Brust und preist das
Proporz-Wahlsystem in seiner Heimat, es sei gerechter, behauptet er, widerspiegle
den Volkswillen genauer als das englische mit den Wahlkreisen, die nicht
alle gleich gross sind. Numerisch mag das stimmen, andererseits hat die
Opposition in England beträchtlichen Einfluss, die Konflikte werden
offen debattiert, nicht in Kommissionen «kollegial» verwässert.
Daher kommt wohl auch die kräftige Sprache. Der Oppositionsführer
hat eine gewichtige Medienpräsenz, wird von ausländischen Regierungschefs
eingeladen und für seine Rolle auch honoriert: 64’167 Pound erhält
Tony Blair im Jahr, während ein gewöhnlicher Hinterbänkler
mit 34’085 Pound auskommen muss. Also reich wird in England kein Politiker,
sofern er nicht noch andere Quellen anzapfen kann. Selbst der Premierminister
bezieht mit 84’217 Pound nicht viel mehr als ein Schweizer Mittelschullehrer
– er sieht ja auch aus wie ein braver Schulmeister aus Zofingen oder Winterthur,
selbst wenn er die treffendsten Metaphern in den Ratssal schmettert. Nächste
Woche ist im Parlament die Diskussion über happige Erhöhung der
eigenen Saläre angesetzt. Es ist anzunehmen, dass Regierungspartei
und Opposition in dieser Frage für einmal einig sind.