Der Flug war unpünklich, das kommt vor, und es beunruhigt niemanden, ausser man erwartet jemanden, der einem nahesteht, vielleicht den eigenen Sohn. Der Fremde trinkt einen Kaffee, er wandert durch die Ankunftshalle, diesen hastigen, schwitzenden, drängenden Ameisenhaufen. Er schaut auf den Bildschirm, 16.55 soll die Maschine der Kenya Airways in London Heathrow landen, sie kommt von Nairobi, Zwischenlandung in Zürich. Er geht zur Stehbar, bestellt ein Cola. Er geht auf die Galerie, lässt sich in einer Sitzgruppe nieder, genau gegenüber einem Bildschirm, versucht Zeitung zu lesen, und denkt doch immer wieder an den Flug, der von weit her kommt, und deshalb wohl etwas Verspätung haben darf, ohne dass man gleich beunruhigt zu sein braucht. Was ihn beunruhigt ist, dass bei allen andern Kursen eine mutmassliche Ankunftszeit angegeben ist, bei dem Flug, auf den er wartet, aber nicht.
Man hört ja so Geschichten von Billigflügen, in Florida stürzte kürzlich eine 27jährige DC-9 von ValueJet mit 110 Passagieren kopfüber in die Sümpfe und verschwand. Er sah die Bilder der wartenden Angehörigen auf dem Flughafen im Fernsehen, diese Verunsicherung, Angst, stundenlang, und dann die Panik, die Schreie und Tränen.
Er starrt auf dem Schirm. Nichts Neues. Er wandert über eine gedeckte Brücke zum Parkhaus, steigt über Treppen aufs Dach, wo man den weiten Flughafen überblicken kann, einen der grössten der Welt, eben fünfzig Jahre alt geworden. Jumbos landen, starten, verschwinden im Abendlicht. Und dann sieht er von Osten her, glänzend und schlank und mit krummer Nase eine Concorde landen, ein gewaltiges Brausen hinter sich herschleppend.
Er wandert in die Halle zurück und sieht nach, ob vielleicht auf der grossen Schautafel mehr Informationen stehen, doch es steht immer dasselbe, jedes Mal, wenn die Buchstaben mit leisem Klappern neu über die Tafel rollen. «Keep cool», sagt er sich, und wandert durch die Halle, sieht Menschen mit Koffern ankommen, winken, sich umarmen, lachen, Tränen vergiessen. Und dann steht plötzlich auf dem Bildschirm hinter dem Flug, den er erwartet: DELAYED, ganz einfach, bei keinem andern Flug hat das je gestanden. Vielleicht ist das der Geheimcode, das Signal, dass irgend etwas geschehen ist. Doch rundum ist keine Unruhe ist zu verspüren, nur sein Herz klopft, und er schwitzt und zerknüllt die Zeitung in der Faust, wirft sie in einen Abfalleimer, dann steht er beim Informationsschalter in die Schlange. Es ist jetzt fast sechs, vor einer Stunde hätte die Maschine landen müssen.
«Wir wissen nichts Genaues. Es kann vielleicht neun Uhr werden. Oder sogar morgen früh, heisst es», sagt die Dame und schaut auf den Bildschirm, «kann man Sie irgendwo erreichen? Wohnen sie weit weg?»
«Ja», sagt er.
Er schreitet rasch zur U-bahn, durch Tunnels, über Förderbänder, besteigt den nächsten Zug, fährt nach Hause, anderthalb Stunden quer durch die Stadt, in der vagen Hoffnung, sein Sohn habe einen Fax geschickt, oder er rufe an, teile ihm mit, dass er am nächten Tag kommen werde. Er schreitet durch die Wohnung, entnervt, kein Fax ist da, er greift zum Telefon, bei seinem Sohn nimmt niemand ab. Er versucht, ruhig zu bleiben. Du kannst ja ohnehin nichts tun, denkt er, was immer auch geschehen ist. Doch dieser Gedanke macht ihn fast rasend. Er denkt an die vielen Male, die er schon gewartet hat, und nichts tun konnte, und fast verzweifelt ist dabei. Vielleicht ist das gerade die wichtigste Eigenschaft des Vaters, denkt er, warten zu können, ohne etwas zu tun. Einfach im Vertrauen, dass alles kommt, wie es muss. Er hat Mühe, diese Unendlichkeit von Geduld aufzubringen, welche das Leben von Eltern vom Leben von Nichteltern unterscheidet.
Er schaut aus dem Fenster auf die Strasse hinab und erinnert sich an die Meise, die vor ein paar Tagen auf dem Fenstersims gelandet war, winzig und verängstigt und verhutzelt, sie hatte sich zitternd in einen Winkel gedrückt, er konnte ihr nicht helfen, denn was hätte er tun sollen? Sie in die Wohnung nehmen, und dann? Sie in die Luft werfen, und dann? Er war ebenso hilflos gewesen, doch es war ja nur ein Jungvogel, aus dem Nest gefallen, ein Opfer der natürlichen Selektion. Die junge Meise lernte offenbar das Fliegen, und da hockte sie, zitternd und vom Wind zerzaust, hoch über der Strasse. Dann plötzlich hüpfte sie auf das Geländer und flog davon.
Er ruft im Flughafen an, es ist jetzt acht Uhr, man verbindet ihn mit Kenya Airways, er fragt nach dem Flug.
«Er wird um halb zehn landen», sagt der Mann.
«Ist das sicher?»
«Ja, das ist sicher.»
Er fährt zum Flughafen, anderthalb Stunden U-bahn durch die Stadt, auf der Schautafel steht noch immer DELAYED.
Er geht zum Informationsschalter. «Viertel nach Zehn», sagt die Dame.
«Nein, viertel vor elf», ruft ein Mann aus dem Hintergrund, «eben haben sie das durchgegeben.»
«Es ist ein Chaos», sagt die Dame.
«Wir schreiben das gleich auf den Schirm», sagt der Mann.
«Ist der Flug in Zürich gestartet?»
«Er ist gestartet, das ist bestätigt», sagt der Mann. «Gehen sie einen Kaffee trinken, beruhigen Sie sich, Mann.»
Es gibt keinen Kaffee mehr, nur noch kalte Getränke. Er bestellt ein Cola, es ist lau, er stürzt es hinunter, setzt sich in einen Stuhl mitten in der Halle, die jetzt fast leer ist, er starrt auf die Schautafel. Der Flug wird auf 22.45 erwartet, steht dort. Die Zahlen verschwimmen. Dann ändert sich etwas, leise klappern die Ziffern, er steht auf, tritt näher. Flug von Nairobi via Zürich nach London, gelandet 22.45, steht auf der Tafel.
Irgendwann, viel später, geht ein Schwarzer vorbei, Koffer in der Hand, dann folgt eine Familie, die von Freunden mit lautem Applaus begrüsst wird. Umarmen, Küssen, Lachen.
Gepäck in der Halle, steht auf der Tafel. Ein Amerikaner spricht ihn an, fragt, ob er auch sechs Stunden gewartet habe, auf diese «damned fucking Niggers». Sein Atem riecht nach Bier. Der Fremde nickt, schweigt, er sieht seinen Sohn auftauchen zwischen Menschen, er winkt.