Lond-on-line 3.4.

Krähen hocken auf kahlen Bäumen, träg flattern sie über ihren monströsen Nestern, ein toter Fuchs
liegt am Strassenrand, Hochspannungsleitungen schwingen sich aus
dem nebligen Nichts ins Nichts, Gebüsch, braune Häuser, ein Fusspallplatz,
Felder, von Zäunen und Hecken begrenzt, eine Fabrik an einem Kanal,
Schafe mit grünen Farbkleksen markiert: England. Wenn ich im Bus
durch diese monotonen Landschaften fahre, die Stunden verträume,
denke ich an unsere Reise damals. Der junge Ingenieur und die
Kindergärtnerin, seit ein paar Monaten verheiratet, zum ersten
Mal in den Ferien. Wir waren mit der U-bahn in den Nordosten Londons
gefahren, dort, wo die Autobahn begann, waren hingestanden, Daumen
hoch. Es dauerte nicht lange, bis ein Lastwagen anhielt, eine
«Lorry», Glasgow sei das Ziel, sagte der Fahrer.

«Yeah», wir nickten. Schweigend, manchmal ein kleines Gespräch
mit dem verschlossenen Mann versuchend, waren wir durchs Land
gerollt, die Rucksäcke zwischen den Beinen. Einmal brachte uns
der Fahrer Eiscreme, in Birmingham halfen wir ihm Stühle ausladen.
Diese Stühle in Birmingham sind mir in Erinnerung geblieben, warum
weiss ich nicht. Es waren billige Stühle, Sperrholzsitze, Rohrgestell,
stapelbar. Wir luden aus und übernachteten dann irgendwo unterwegs
in den Schlafsäcken im halbleeren Laderaum, in der stockfinstern
sticken Luft, der Fahrer schlief in der Kabine. Frühmorgens setzte
er uns in Glasgow ab.

Vielleicht habe ich die Stühle im Kopf behalten, weil ich ein
paar Jahre später zwei Wochen im Albany Hotel in Birmingham gediegen
logierte, während eines IBM-Kurses, der mir ebenfalls noch deutlich
gegenwärtig ist. Wir schrieben ein Programmsystem, das die Temperatur
einer Glühbirne regelte, mit einem Prozessrechner IBM1800. Von dem Kurs habe ich gewaltig profitiert, vor allem von der
Idee des Lernens an einem einfachen Projekt in einer Gruppe. Ich
schrieb damals den Regelteil, Direct Digital Cotrol, er funktionierte.
Wenn man eine Schachtel über die Glühbirne stülpte, regelte der
Computer die Leistung zurück, die Lampe erlosch. Nahm man sie
weg, begann sie wieder zu leuchten. Das Erfolgserlebnis freut
mich noch heute. Und im technischen Museum in Birmigham hatte
ich nochmals eine grandiose Erleuchtung. Dort sah ich nämlich
zum ersten Mal einen Jacquard-Webstuhl aus Holz, die Holzplättchen
mit den Löchern für die Steuerung der Litzen, machten mir sofort
den historischen Zusammenhang klar zwischen den Lochkartenprogrammen
der IBM1800 und der alten Maschine. Die Erleuchtung war die Erkenntnis,
dass Computer eine Geschichte und nicht nur eine Zukunft haben.
«Wer die Geschichte des Computers verstanden hat, hat den Computer
verstanden», sagte ich später einmal.

Wenn ich durch England fahre im Bus, nein autostoppen mag ich
nicht mehr, dann lese ich in der Landschaft meine eigene Geschichte.
Ein Vierteljahrhundert ist das her und vieles noch so gegenwärtig
wie gestern. Vor allem die Stühle, die wir in Birmingham ausgeladen
haben. Eine grenzenlose Sehnsucht packt mich stets, wenn ich an
diese banlen, alltäglichen Dinge denke.

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