Der Wind weht Tränen in mein Gesicht, während
ich durch die unabsehbare, schwarze und ziellose Menschenmenge schreite,
die durch die Fussgängerzone des Leicester Square rauscht, im wahren
Sinne des Wortes, denn es sind so viele Menschen und so viele Stimmen und
so viele Schritte in den Pfützen, dass alle Bewegungen zu einem Kanon
verschmelzen, vom schrillen Lichteffekt der Kinoreklamen begleitet, während
ich also vom Kino im Swiss Center zur U-bahnstation gehe, oder besser, mich
durch das Menschengewühl dränge, denke ich unablässig an
jenes andere Leben, das der Film in mir wachgerufen hat: «Il postino».
Sechzehn Jahre sind es her und wir wohnten ein Jahr im Land unserer Sehnsucht,
am schönsten Ort der Welt, wie ein lokaler Dichter namens Cechi schrieb,
Querceto, am Abhang des Monte Morello über Sesto Fiorentino, im Westen
tauchte die Sonne in Wolkenbänke, im Süden konnten wir die Domkuppel
von Florenz sehen, wenn sie nicht gerade im Smog versank, ein Jahr, das
mit diesem halben in London eigentlich nur eines gemeinsam hat: Es wurde
ebenfalls von der Stiftung Landis & Gyr finanziert.
Es kam auch täglich so ein Postino an die Via delle Botti 3 wie im
Film, der sozusagen sämtliche Klischees von Italien und seinen Menschen
und seinem Leben transportiert, mitten in dieses London hinein, und der
deshalb vielleicht so schmerzt, weil die Erinnerung, nach so vielen Jahren,
selbst zum verklärten Klischee geronnen ist, und der doppelt schmerzt,
weil ich spüre, wie ich mich in der italienischen Sprache noch immer
mehr zuhause fühle als im Englischen und in der italienischen Lebensart
ohnehin. Land der Wärme, obwohl es der kälteste Winter unseres
Lebens war. Land der offenen Menschen, obwohl wir wohl nirgens so hart gestritten
haben wie mit Ivana und Bruno, mit denen wir zusammenlebten. Land der Linken,
die schon damals zur Folklore verkommen war. Land des Café, obwohl
er auch in Italien nicht mehr überall gut ist.
Ja, damals kam noch täglich der Postino mit dem Motorrad und brachte
Briefe und die Tages-Anzeiger Fernausgabe und es gab weder Fax noch E-mail
noch Computer, ich schrieb auf einer elektrischen «Adler», zuoberst
im steinernen Turm aus dem 13. Jahrhundert mit Blick in die dunstige Ebene
zwischen Florenz, Calenzano und Prato und im Winter ernteten wir Oliven.
Die Welt war noch kein globales Dorf und wir waren noch eine Familie: Chris
und ich und unsere zwei Kinder.
Während ich auf der Rolltreppe in die Tiefe schwebe, in einer Reihe
mit hundert andern Menschen, stelle ich mir vor, wie ich mit Chris auf einem
unserer täglichen Spaziergänge durch die Olivenhaine eine uralte
Kalksteintreppe hinuntersteige nach Querceto, wie wir die Bar im Casa del
Popolo betreten, vor der die Alten an der Sonne sitzen, uns grüssen,
wie wir unsern Café bestellen und die Pasta und wie wir am Abend
wiederkehren für den doppelten Grappa gegen das Heimweh.
Dem Postino gelingt es schliesslich, die herbe Schöne aus der Bar für
sich zu gewinnen, dank den Metaphern, die ihm der exilierte Dichter Pablo
Neruda erklärt, eine unglaubliche Geschichte auf einer unglaubwürdigen
Insel, auf der weder Don Camillo noch Beppone fehlen und der Held schliesslich
in einer Prügelei nach einer kommunistischen Kundgebung stirbt, kurz
bevor er auf dem Rednerpult sein erstes Gedicht vortragen wollte. Ach, dieses
liebe, linke, laute Italien, das auch in unseren Köpfen steckte, ein
Land der Sehnsucht, das es in Wirklichkeit so nie gegeben hat.
Doch die Wirklichkeit, wie sie war, ist Grund genug zum Träumen, während
ich in der U-bahn in mein Spiegelbild in der schwarzen Scheibe blicke und
die weitbusige Schöne neben mir betrachte, die dem Film entstiegen
scheint. Auch mir fehlen, wie dem Postino, die passenden Metaphern.
Auf meinen Schreibtisch steht ein Bild, das Bruno von uns gemacht hat, wir
sitzen auf dem Mäuerchen vor der Küche an der Via delle Botti,
Susanna auf dem Bänklein, das Bruno aus einem Olivenstamm geschnitzt
hat, sie streichelt Dick, den Bastard, den liebsten Hund der Welt, der schon
lange tot ist, so wie unsere Beziehungen zu jenen Menchen, die einst Freunde
waren.
Auch im Film kehrte der Dichter Pablo Neruda erst in sein Italien zurück,
als es zu spät war.