Der Zoo konfrontiert uns mit unserer Erbsünde, hinter Gittern, neben den Schimpansen, steht der Mensch, blickt durch die rostigen Stäbe in die Fotokamera, und über dem Käfig ist ein Schild angebracht: «Das zerstörerischste Tier der Welt». Fünf Milliarden sind wir bereits, und dem Rest machen wir immer kaltblütiger den Garaus.
Betrachten wir doch einmal die Rhinozerosse, die trotz ihres enormen Gewichts, ihres urweltlichen Körpers, locker und fröhlich durch ihr staubiges Gehege traben. Sie sind kurzsichtig und sehen uns Todfeinde kaum, immer nur lächeln, scheint ihre Lebensphilosophie, obwohl wir sie systematisch ausrotten wegen ihrer Nasenhörner. 1980 gab es noch 15’000, heute noch gut 2000. In Yemen tragen reiche Scheichs Dolche mit Griffen aus geschnitztem Rhinozeroshorn, in China und Indien wird das gemahlene Horn als Medizin verwendet und scheints auch als potenzsteigernde Droge. Damit der Mensch sich noch mehr vermehrt, und die Tiere noch stärker bedrängt.
Obwohl wir weder Scheichs noch Mandarine sind, fühlen wir uns im Zoo sofort solidarisch mitschuldig für die Untaten des Tieres Mensch am Rest der Tiere. Animal Farm, George Orwell, wir wissen ja, und stellen uns schuldbewusst und mit Armsündermine in den didaktisch geschickt plazierten Menschenkäfig. Klick, das Bild ist geschossen, wir können wieder aufatmen. Anschliessend Kamelreiten, Ponyfahrt, Popcorn, Fish and Chips und Glacé. Vom Schuldgefühl allein hat auch der Londoner Zoo nicht gelebt, der übrigens der älteste der Welt ist, 1828 eröffnet, aber vorerst nur für die Fellows der Zoological Society, deren berühmtestes Mitglied Charles Darwin war. 1847 herrschte erstmals Ebbe in der Kasse, und man öffnete die Tiersammlung auch fürs gemeine Volk. Das steht nun also vor dem Schimpansenkäfig, gruppiert um eine überaus dicke schwarze Dame mit einem Enkelkind im Wägelchen, die dem Oberschimpansen zuwinkt und zuruft und dann in die Hände klatscht. Faul liegt der Boss im Geäst, dann klatscht auch er ein bisschen in die Hände, und das Publikum bricht in Applaus aus. So geht das hin und her, Darwin hätte seine helle Freude, denn der Beweis für die Evolutionstheorie könnte stichhaltiger nicht sein: Der Mensch stammt vom Affen ab. Und mit Kurt Tucholsky stellen wir uns die alte Frage, die sich vor dem Affenkäfig aufdrängt: Wo ist innen, wo ist aussen?
Eigentlich ist es ja eine Absurdität, dass die Zoologischen Gärten, in die man die wilden Tiere sperrt, nun zu ihrem Schutz und ihrem letzten Hort geworden sind. Das Gefängnis ist die Freiheit, draussen lauern die Killer. Nashörner legen sie scheints um, obwohl man ihnen in den Tierparks prophylaktisch die Nasenhörner absägt. Je weniger es gibt, desto mehr sind die gelagerten Hörner wert, eine einfache Rechnung, und ein bisschen schiessen ist eh lustig. Vor allem auf einen kurzsichtigen Gegner.
Als der zweite Weltkrieg ausbrach, brachte man im Londoner Zoo Giftschlangen, Riesenschlangen und Giftspinnen mit Choroform um, die Aquarien wurden trockengelegt, die Fische zum Teil sogar verspeist. Das Wort Artenschutz war 1939 noch nicht erfunden, und bekanntlich konnte weder damals noch in jüngster Zeit der Mensch seine eigenen Brüder und Schwestern vor dem Genozid schützen. (Vielleicht kommen auch ein paar der verrückten Rinder, die man heute ausrotten muss, in den Zoo.) Einge Tiere wurden evaquiert, andere blieben, doch eine besondere Schutztruppe stand Gewehr bei Fuss um die Löwen und Tiger zu erschiessen, falls sie in einer Bombennacht ausgebrochen wären. Zum Glück musste sie nie tätig werden, und als einige Wochen nach Kriegsausbruch der Zoo wieder eröffnet wurde, um die niedergedrückte Bevölkerung abzulenken und aufzumuntern, da boten die Schimpansen ein Extraprogramm vor Begeisterung.
Die Einsamkeit ist offenbar nicht nur ein menschliches Problem, sie ist das wahre Gefängnis, nicht das Gitter und der Wassergraben und die Mietwohnung. Um den geeigneten Partner zur Paarung zu finden, bieten wir unseren Verwandten, von denen wir abstammen, neuerdings «Match animals» auf Internet. Vielleicht können wir mit dem Computer ein bisschen von unserer kollektiven Schuld den Tieren gegenüber abarbeiten. Für die Rhinozerosse kommt das WorldWideWeb aber wahrscheinlich zu spät.