Lond-on-line 31.3

Der Metzger streift Gummihandschuhe über und versteigert Rindfleisch, «habt ihr etwa Angst?», schreit er vom seinem Stand auf dem Brick Lane Sunday Market auf die Leute herab, zerschneidet einen prächtigen Braten, wirft die pfundschweren Stücke auf die Waage. «Schottisches Rindfleisch. Dreifünfzig in der Metzgerei, einssiebenundfünfzig hier.» Er greift das Fleisch von der Waage, hält es den Vordersten vor die Nase, die es schweigend anstarren, alte faltige Gesichter sind es, graue Jacken, Kappen, vor allem Männer. Einer streckt die Hand hoch, schlägt zu. Er bezahlt, nimmt den Plastiksack und geht. In den Supermärkten boomt das Rindfleisch wieder, seit der Preis halbiert worden ist, ein Drittel der Rinder sei vom Wahnsinn angesteckt, sagt ein Experte, eine Katastrophe bahne sich an. Doch die Menschen müssen essen.

Brick Lane. Durch diese Strasse zogen Karren die Ziegelsteine hinab zu den Docks, als dort noch gebaut wurde, vor hundert, hundertfünfzig Jahren. Eine armselige, braune, düstere Strasse, Herz des alten East End. Auf dem Sonntagsmarkt gibt es nun wirklich nichts, was es nicht gibt. Velos, neue und rostige, Werkzeuge, Motoren, alte Badewannen und abgetragene Korsetts, Goldfische, Briefmarken, Dachlatten, Waschmittel und Schuhwichse, Bohrmaschinen, Fräser und Bleisatzlettern, Kleider zuhauf, «Jedes Stück 50 Pence», ruft einer aus, die unvermeidlichen Kassetten und Platten und CDs, alte Aktenschränke, Computerschrott jeder Generation, hoch aufgetürmt. Da steht unter einem wirren Haufen von Kabeln ein Olivette M24, einst eine Topmaschine, und in einer Schachtel liegt Software in Plastikhüllen, «The desktop Fractal design System», ein Pound. Wer das kauft von den lokalen Arbeitern und Pensionierten und Bengalis, welche durch den Markt wandern, Pappbecher mit Kaffee oder ein Sandwich in der Hand, ist fraglich. Über allem liegt ein Dunst von Hamburgern und fettigen Bratwürsten, und zwischen den Warenständen wird auch Gemüse verkauft.

Einer fabriziert Diplome auf Wunsch, abenteuerliche Gestalten stehen vor einem Stand mit Jacken und Hosen, in zotteligem weissem Haar, staubigem Mantel, Bart und fingerlosen Handschuhen. Vieles ist vielleicht Diebesgut, anderes schlicht und einfach Müll. Der Markt quillt in Hinterhöfe, die an Bombenruinen aus dem Krieg stossen, der Übergang von den Stapeln alter Stühle und den Kabelhaufen und rostigen Werkzeugmaschinen und verbogenen Wasserrohren in den Abfallhaufen ist fliessend. Ein Betrunkener rempelt mich an und brüllt irgend etwas. Das alte englische Raleigh-Velo, das mir ausserordentlich gefällt, gepflegt und mit einer monströsen Kette gesichert, ist leider zu teuer: 200 Pfund sagt der Verkäufer und da gibt es nichts zu markten. «Original», sagt er. Die Grenze zwischen Schrott und Wert ist scharf.

Auf einem Zeichenbrett mit Reissschiene sind noch Skizzen aufgeklebt und Notizen, da hat einer mitten im Entwurf einer Maschine die Arbeit geschmissen. Ein David Taylor war für Montag noch angemeldet, steht auf einem Zettel. Und daneben das Wort: Reality, mit Fragezeichen und eingerahmt. Am Freitag hat die Firma dem Konstrukteur vielleicht gekündigt und das Inventar einem Altstoffhändler übergeben, die Aktenordner liegen nebenan auf einem Haufen. Brick Lane ist ein schöner und trauriger Markt. Hunderttausend Dinge erzählen Millionen Geschichten. Der verfleckte Fauteuil stand in einem Puff, der zerschlissene Bürostuhl stützte den Arsch eines Spekulanten, das defekte Velo, das mir ein alter Mann mit traurigen Augen andrehen will, für 15 Pfund, gehörte seinem Sohn, der über alle Berge ist. Eine IBM-Kugelkopf war das Rennommierstück eines Jungunternehmers, der längst Konkurs gegangen ist. Der Bodensatz der Welt sammelt sich in diesem Markt, der ein lebendes Museum ist, nur ohne pädagogische Absicht. Ein Museum der zerbrochenen Hoffnungen und des entschwundenen Glücks. Schweigend schreiten die East Ender Locals von Stand zu Stand, wühlen und suchen sich das Lebensnotwendige und das Überflüssige zusammen, und gehen dann mit prallen Plastiktaschen davon.

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