Lond-on-line 30.6.

Wenn ich bügle, denke ich an meinen Vater, unbeholfen
versuche ich mich an dem Hemd, das ich hier auf dem Markt gekauft habe.
Dabei sehe ich ihn vor mir, wie er seinen Hosen Bügelfalten einzuglätten
versucht, gerade werden sie nie. Ich brauche wenigstens keine Bügelfalten
mehr in den Jeans, und meistens trage ich die T-shirts ungeglättet.
Vater hat dann schliesslich die Nähmaschine hervorgeholt und die Bügelfalten
in die Hosen eingenäht, das war wieder einmal eine seiner genialen
Ideen. So konnte es ja nicht mehr weitergehen in unserer Familie. Die Mutter
war tot und unser Haushalt am verlottern. Eine Frau musste her, zuerst Haushälterin,
dann Stiefmutter.

Oft denke ich an meinen Vater, wenn ich allein an meinem Tisch sitze, und
ich denke an seine grosse Einsamkeit. Er war ein Fremder, ernst und in sich
gekehrt und irgendwie zu gross für das Überkleid, mit dem er zur
Arbeit ging, zu gescheit. Wenn er den Anzug trug, Krawatte und Hut, wenn
er wegfuhr, dann war er ein Herr. Er hat die grosse Welt gekannt und in
dem kleinen Dorf leben müssen. «Paris», sagte er manchmal,
«kenne ich wie meinen Hosensack.» Wenn wir im Zug sassen wurde
er ein anderer Mensch. Sprach die Leute an, erzählte und fragte und
erzählte Witze und ich ärgerte mich. Doch je älter ich werde,
desto mehr Ähnlichkeit bemerke ich mit meinem Vater, wahrscheinlich
erzähle ich auch schon immer wieder dieselben Geschichten. «London»,
werde ich vielleicht einmal zu meinen Enkeln sagen, wenn ich je haben werde,
«London kenne ich wie meinen Hosensack.» Auf Reisen macht es mir
wenig aus, Leute anzusprechen, im Dorf schweige ich lieber.

Gestern bin ich in einem Boot durch die Kanäle gefahren, von Camden
hinab nach Limehouse, gemütlich dahintuckernd und durch 18 Schleusen,
dann durch die River Lee Navigation zurück. Es war ein richtiges Altersreisli,
Rentnerehepaare, die Händchen hielten, zwei junge Paare, wenige alte
Männer und Damen und ich. Der Führer sprach pausenlos ins Mikrofon,
erklärte die Geschichte, die Gebäude und Brücken, die Funktion
der Schleusen und das Hydrauliknetz, das die Stadt im letzten Jahrhundert
aufgebaut hatte, welches Energie verteilte zum Betrieb von Brücken
und Schleusen und Lifts. Alles nur Erdenkliche und Wissenswerte strömte
während der siebeneinhalb Stunden Fahrt auf uns ein, unterbrochen durch
eine Stunde Mittagessen, ein Programm ohne Ende. Da habe ich auch wieder
an meinen Vater gedacht, er ist immer gereist, seit seiner ersten grossen
Reise aus dem Glarnerland ins Saargebiet, als Achtzehnjähriger, mit
gebügelten Hemden von der Mutter im Koffer und Speck und Käse.
Er war eigentlich nur auf Reisen sich selber.

Unzählige Altersreisen hat er dann unternommen, zuerst allein, Flucht
vor der Einsamkeit, dann mit der Stiefmutter, einmal selbstverständlich
auch durch England und Schottland mit dem Car. In Manchester bei der Besichtigung
einer Spinnerei habe er geglänzt, der alte Textilmeister, hat mir Annemarie
letzthin erzählt, er habe vor der staunenden Gesellschaft einen abgerissenen
Faden geknotet, an laufender Maschine, wie man das halt eben macht. Ein
paar Wörter Englisch lernte er extra für jene Reise, die Zahlen
jedenfalls, das war das wichtigste, und gewiss rechnete er mit Vergnügen
die alten Pfunde, Schillinge und Pennies in Schweizerfranken um, das war
ja noch nicht so einfach vor der Einführung der dezimalen Währung.
Mathematiker hätte er werden sollen, nicht Textiler. Als er nicht mehr
reisen konnte, studierte er noch die Integralrechnung aus einem Buch.

Wenn ich manchmal am Abend im Pub am Tresen stehe, das Glas in der Hand,
sehr fremd und sehr allein, denke ich daran, wie er erzählt hat, an
Weihnachten habe er in der Saar oft in der Wirtschaft gesessen, allein vor
dem Bier. Der Mutter habe er aber immer geschrieben: «Es gefällt
mir sehr gut.»

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