Lond-on-line 30.5.

Ich schalte meine linke Hirnhälfte nach rechts und den Schalthebel mit der Linken, es ist Morgen, Rush-hour, dichter Verkehr, und ich sitze zum ersten Mal am Steuer, auf der verkehrten Seite, alles ist verkehrt, und ich schwitze, schon bevor ich den Motor starte. Doch es muss sein. Am ungünstigsten Ort und zur ungünstigsten Zeit zwar, Morgens um halb Neun, mitten in London.

Die Engländer fahren links, man weiss. Warum weiss man zwar nicht, aber man kann sich das zur Not vorstellen. Es ist einfach alles spiegelverkehrt auf der Strasse, also Linksvortritt und rechts überholen und Gegenverkehr beim Rechtabbiegen. Woran wir kaum denken, ist, dass auch die Autos selber anders gebaut sind, das Steuer rechts, die Gangschaltung links, nur Kupplung, Bremse und Gas sind gleich angeordnet.

Ein Problem, das mich nächtelang beschäftigte, ist, wie komme ich vom Autovermieter an der Russell Road nach rechts in die Hammersmith Road, denn es ist nur Linksabbiegen erlaubt. Ich studierte Stadtpläne, machte sogar einmal einen Augenschein vor Ort, fand keine gute Lösung. Lächelnd sagte mir dann der Autovermieter: «Fahren Sie nach rechts in die Tankstelle hinein und vorne wieder heraus. Das ist zwar verboten, aber alle machen es.» Es ging, und schon waren wir auf Fahrt. Lehre fürs Leben: Was man als grösstes Problem betrachtet, ist oft das kleinste. Warum also schlaflose Nächte?

Linksfahren konnte ich sofort problemlos, einspuren, Rundverkehr, alles lief glatt und wir fanden die Route ohne uns einmal zu verfahren, und auch das Schalten mit der linken Hand ging schnell fast automatisch. Bis Chris einmal laut aufschrie. Ich hatte beinahe ein parkiertes Auto touchiert. Und nun wurde mir das grösste Problem schlagartig bewusst: Das Gefühl für die Abmessungen des Autos stellte sich nicht so schnell um. Intuitiv ist das Auto für uns links schmal, rechts breit, und jetzt ist es umgekehrt.

Wenn ich während des Fahrens an den Kerenzerberg denke, dann stelle ich mir schon vor, wie ich auf der linken Strassenseite von Mühlehorn nach Obstalden fahre, und ich habe schon Mühe, es mir anders zu denken. In Kreativitätskursen macht man ja oft Übungen, welche links und rechts vertauschen, Schreiben oder Zeichnen mit der andern Hand, um die rechte Hirnhälfte anzuregen. Vielleicht habe ich nach dem Fahrtraining auf der linken Seite einen kreativen Schub.

Sehr viel Mühe macht das Rückwärtsfahren, weil ich über die linke Schulter schauen muss, und was ohnehin schon verkehrt ist, ist nochmals verkehrt. Den Blick in den Innenspiegel schaffe ich erst am zweiten Tag, intuitiv schaue ich stets an den falschen Ort. Zweite Lehre fürs Leben: Was mit Denken bewältigt werden kann, ist schnell umzustellen, was Gefühl und Intuition braucht, nur langsam. Vor allem in Stresssituationen greife ich noch lange auf die falsche Seite, wenn ich schalten muss.

Und Stressituationen gibt es genug, denn der Verkehr ist in der Stadt und auf der Autobahn sehr schnell, sehr hart und von der englischen Gelassenheit und Toleranz ist nichts zu spüren. Als ich einmal einen schwarzen Rover am Einspuren hindere, fällt mir ein, dass die Polizei seit einer Woche einen schwarzen Rover sucht. Eine junge Frau hatte vor einer Verkehrsampel stark gebremst, so dass auch der Rover bremsen musste, der Fahrer war ausgestiegen, hatte den Freund der Frau, den 21jährigen Stephen Cameron, niedergestochen, war eingestiegen und weitergefahren. Und heute hat in Nord London nach einer Autojagd ein Fahrer einen andern erschossen. «Road rage» heisst die zunehmende Gewalt auf Englands Strassen. Wir haben wieder einmal Glück gehabt und die zwei Autotage und vierhundert Meilen unversehrt hinter uns gebracht.

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