Der Kursleiter ist kahlgeschoren und trägt schwere Lederschuhe,
er grinst ein bisschen dämlich in die Runde, fragt nach einem Kugelschreiber,
seiner sei eben ausgegangen. Fragt nach der Zeit, eine Uhr hat er nicht.
Seine abstehenden Ohren sind gerötet, wahrscheinlich ist er mit dem
Velo gekommmen. Kein starker Auftritt, stumm schauen ein gutes Dutzend KursteilnehmerInnen
nach vorn, mehrheitlich Damen. «Writers Workshop.» Als ich eintraf,
sass erst eine bleiche, schwarz gekleidete nervöse Frau im Klassenzimmer,
blätterte in Papieren.
«Hallo!»
Sie drehte nicht den Kopf, gab auch keinen Laut. Ach so, dachte ich. Hier
ist man also Luft. Kein starker Einstieg.
Allmählich tröpfelte der Rest ein, am Ende, lange nach Beginn
der Lektion, sind wir elf Frauen und sieben Männer.
Schrecklich, rasend diese Angst. Ich zittere. Das schreibe ich auf meinen
Block. Und weiter: Lautsprecher stehen da, was geschieht wohl? Pult, leere
Tafel, Neonlicht, Projektor, leerer Stuhl …
Ich erlebe mich als überforderter Kursteilnehmer, wie gut das tut,
und ich sehe den leicht überforderten Leiter wie als Spiegel meiner
selbst, wenn ich einen Kurs beginne, in dieses angstvolle, lastende Schweigen
trete. Die verkrampften Bewegungen, die blöden Witze als Versuch, locker
zu erscheinen, das Eis zu brechen. Wie wird er mit dieser Überforderung
fertig, frage ich mich andauernd, 17 Leute in einer Schreibwerkstatt, das
geht doch nicht. Und kämpfe gleichzeitig gegen die eigene Panik: Ein
Schreib-Workshop in einer fremden Sprache, das geht doch nicht, das kann
ich ja nicht. Was mach ich, wenn man vorlesen muss? Ich werde mich schrecklich
blamieren, ein Schriftsteller, der schreibt, wie ein Zweitklässler
…
Stevan Alcock, der Leiter, macht einen hilflosen Versuch, die Leute zum
Sitzen im Kreis zu motivieren, bekannte Situation. Niemand bewegt sich.
Dann gibt er auf und stellt sich vor, legt Wert auf die richtige Betonung
seines Vornamens (nicht Stephen). Er ist Übersetzer, hat Musical- und
Filmtexte übersetzt und Kurzgeschichten geschrieben, eine oder zwei
publiziert. Den Workshop im Erwachsenenbildungsprogramm der City University
(Continuing Education Department) führt er seit vier Jahren.
Formulare ausfüllen, Stevan verteilt auch eine exakte Beschreibung
der Kursziele, denn der Kurs ist «accredited», das heisst von
der Universität qualitätsgeprüft. Wer sechs akkreditierte
Kurse absolviert hat, bekommt ein Zertifikat in «Continuing Education».
Das kann bei der Stellensuche nützlich sein – für mich nicht von
Belang, ich bin zu alt, um noch eine Stelle zu finden.
Vorstellrunde. Da ist alles da, querbeet, wie in unseren eigenen Kursen:
Die jungen Poeten und die jungen Wilden, die Schräges schreiben wollen,
ein pensionierter Programmierer, der in Hotelzimmern gedichtet hat, eine
Lady vom Land, ein italienischer Philosophiestudent, der eine Harley fährt,
ein TV-Journalist, eine Werbetexterin, eine Spanierin, die noch nie geschrieben
hat, aber gerne möchte, undsoweiter. Thema ist «Characterisation»,
Darstellen von Charakteren. Wir bekommen Bilder von Personen, aus Zeitungen
geschnitten, die wir auf einer halben Seite textlich charakterisieren sollen.
Ich versuche es, greife auch zum Wörterbuch, bin froh, dass ich beim
Vorlesen nicht mehr drankomme. Die Texte der andern, ich muss gestehen,
sind erstaunlich gut. Keine simplen Beschreibungen, sondern szenisch oder
dialogisch entwickelte Figuren. Die TeilnehmerInnen sind im kreativen Schreiben
geschult, man spürt es, und Stevan macht seine Sache gut. Reagiert
sensibel und kompetent auf die Texte, unterstreicht ihre Stärke, hebt
ihre Besonderheit hervor. Also genau so, wie man es als Leiter machen soll.
Während der Vorstellrunde habe ich gesagt, dass ich gekommen bin, um
zu sehen, wie er Schreiben unterrichtet. Kiebize im Publikum, das lieben
Kursleiter ja ganz besonders. Er macht eine Bemerkung, lässt mich aber
sonst in Ruhe. Und ich bin beeindruckt vom Klima. Es ist irgendwie klar,
dass Schreiben ein Handwerk ist, das Werkzeuge braucht, deren Handhabung
man lernen kann.