Lond-on-line 29.6.

Die Adresse ist fein, die Umgebung etwas weniger: The Alpine Club. Natürlich gibt es viele alpine Clubs, aber den mit dem «The»
gibt es nur einmal. Die Adresse fand ich im Telefonbuch, rief
an, ja, sagte eine Frauenstimme, wir sind es. 1857 gegründet «für
die Förderung guter Freunschaft unter den Bergsteigern, des Kletterns
und der Erforschung der Berge in aller Welt und besserer Kenntnis
der Gebirge durch Literatur, Wissenschaft und Kunst.» The Alpine
Club hat die Schweizer Alpen in dem Stil «erobert» wie die Bergsteiger
aus den entwickelten Ländern in den vergangenen Jahrzehnten Himalaya-
und Andengipfel bestiegen haben. Die Engländer waren die Herren,
die Schweizer die Führer und Träger. London war nicht nur die
Hauptstadt des britischen Imperiums, sondern auch des Alpinismus,
die Herren hatten in Zermatt einen eigenen Salon.

Charlotte Road in Shoreditch ist eine schmale Strasse zwischen
heruntergekommenen Lagerhäusern, eine Teppichfabrik lärmt, Gerüste,
Gerümpel, Berge von Abfallsäcken, Motorräder stehen herum. Dass
ich vorher in der Liverpool Street Station gerade an einem Plakat
mit dem Matterhorn vorbeigekommen bin mit dem Slogan «cheaper
off peak» ist wohl ein Zufall, vielleicht habe ich es einfach
wahrgenommen, weil ich in Gedanken schon bei den grossen Pionieren
weilte: Whymper, Kennedy, Tyndall, Leslie Stephen. Damals residierte
man allerdings noch an der Pall Mall, in Sicht des Buckingham
Palastes, später im noblen Mayfair. «Cheaper» ist es jedenfalls
im Arbeiterviertel Shoreditch (gleich um die Ecke ist mein Apple-Händler),
der «Abstieg» widerspiegelt auch die Entwicklung des Alpinismus.
Aus der exklusiven Freizeitbeschäftigung nobler Herren ist ein
proletarischer Massensport geworden.

Doch der Alpine Club lebt, wie mir die Bibliothekarin Margaret
Ecclestone versichert, 1168 Mitglieder zwischen 19 und 101 Jahre
alt, seit 1975 auch Frauen (noch vor dem Schweizer Alpenclub),
Präsident ist der hervorragende Alpinist Sir Christian Bonington.
Allerdings steht der Club nicht einfach Jedermann oder Jederfrau
offen, man muss sich qualifizieren und Paten müssen unterschreiben.
Etwas befangen vor Ehrfurcht lasse ich mir die Bibliothek zeigen,
eine der grössten Sammlungen von Bergliteratur der Welt, nehme
fast erschauernd ledergebundene Führerbücher aus dem letzten Jahrhundert
in die Hand, und schöpfe erst etwas Luft, als ich einen Band aus
dem Gestell ziehen kann: «Mirrors in the Cliffs. Hier ist ein
Text von mir drin.»

Es schlägt dann auch wieder einmal die Stunde der Wahrheit. «Haben
Sie etwas über Reverend James Outram?» frage ich, eine Person
aus meinem letzten Hörspiel, er war 1901 mit dem Schweizer Führer
Christian Klucker und mit Edward Whymper in Kanada unterwegs.
Mrs Ecclestone blättert durch Jahrbücher, hat nach kurzer Zeit
zwei Nachrufe gefunden. Ich bekomme Kopien. Outram lebte nach
1901 in Kanada, wo er 1925 starb, in meinem Stück lasse ich ihn
jedoch in den Londoner Nebel blicken, während er Klucker schreibt,
der übrigens in den Nachrufen nicht erwähnt wird, was typisch
ist für jene Zeit. Die Führer galten wenig, obwohl eigentlich
sie die Leistungen vollbrachten, den Herren Stufen ins Eis hackten.
Ich sehe den Nekrologen von Outram jedoch die Unterlassung nach,
wenn mir der Reverend im Himmel dafür die schlampige Recherche
fürs Hörspiel vergibt. Vielleicht war er ja zwischendurch einmal
in London, schrieb Briefe und schaute in den Nebel.

Zum Schluss werde ich noch um eine Gabe für die Bibliothek gebeten.
Früher gaben die Lords den Schweizer Berglern Trinkgeld, gerne
revanchiere ich mich.

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