Die Fahnen sind das Letzte, ich meine die Druckfahnen.
Das letzte, was der Autor am Buch zu tun hat, nochmaliges Durchlesen des
gesetzten Werkes, letzte Korrketuren vor dem Erscheinen. Eine letzte und
ziemlich ungeliebte Arbeit. Während Chris ein Museum besucht, weile
ich in Linthal, oder doch wenigstens halb, denn der Text ist nun so bekannt
und birgt so keine Überraschungen mehr, dass ich nur noch mit Mühe
lesen kann, lesen muss, und die Hälfte der Fehler wahrscheinlich ohnehin
übersehe. Also Tagebuch schreiben zwischendurch. Doch auch das Tagebuch
wird schwieriger, alles kommt mir schon geschrieben, schon gesehen und schon
gesagt vor, auch der Londoner Alltag birgt nur noch wenig Überraschungen.
Schreiben überhaupt wird schwieriger, je grösser die Textmenge
anwächst, die hinter einem liegt.
Einst war es leicht, das eigene Leben stand zuvorderst, unbedarft schrieb
ich es auf: Computergeschichten, Jugendgeschichten, Geschichten für
unsere Kinder, das floss aus der Hand. Dann war alles gesagt über die
eigene Geschichte, und das meiste über den Computer, und ich wandte
mich der Geschichte zu, wie viele Autorinnen und Autoren, wenn ihnen der
Stoff ausgeht, sofern sie es nicht mit einem Kriminalroman versuchen. Die
Vergangenheit bietet Stoff genug, und jede Gegenwart kann sich das Vergangene
neu erzählen und erklären lassen. Denn das Morgen, so die landläufige
Ansicht, wachse aus dem Gestern und wer Richard III verstanden habe, verstehe
auch Saddam Hussein. Das ist die Ansicht der Lehrer, und eigentlich sind
wir alle, die schreiben, eine Art Lehrer, auch wenn wir es vehement von
uns weisen.
Der Stoff des nächsten Werkes, falls es noch eines geben wird, liegt
also nicht mehr auf der Strasse, und er soll weder in der Verganenheit noch
in der Heimat liegen, so habe ich entschieden. Ich weiss also, was nicht
sein soll, aber ich weiss nicht, was sein könnte. Schwer ist das Schreiben
geworden. Ich wende mich wieder dem Lesen zu, den Fahnen, einem dicken Stapel
Papier, den ich durcharbeiten muss. Noch habe ich Arbeit und muss nicht
an Morgen und an das Kommende denken.