Mary Jane Kellys Eingeweide hingen wie Weihnachtsgirlanden im Zimmer, ein Schauer des Entsetzens durchrieselt die achtzig Wandersleute am «Jack The Ripper Walk».
«Genau da drinnen war’s!» Steve, der Führer, hebt die Faust und hackt gegen die schäbige Tür in der schwarzen Backsteinmauer, als ob er selber das Messer führen und zustechen würde, wort- und gestenreich spielt er vor, wie der Mörder seine Opfer, fünf Prostituierte in zehn Wochen im Herbst 1888, zerschnitt und ausweidete und zerstückelte und verstümmelte. «40’000 Huren lebten damals in London, es war eine Dritt-Welt-Situation.» Malerisch wirft eine Lampe ihr Licht in die Gasse im Old East End, auf einer zerfallenen Mauer wächst Gebüsch, Schatten huschen, Abfall stinkt. Der Horror verkauft sich gut, auch wenn er vor 108 Jahren geschehen ist. Oder vielleicht gerade deswegen. Horror ist spannend, solange er einen selber nicht betrifft.
Jack The Ripper ist das Markenzeichen des verarmten, verruchten, industriellen East End des letzten Jahrhunderts, des Sünden- und Gestankpfuhls vor den Stadtmauern. Durch ein Tor in einem Überrest der Mauer hat die warm gekleidete Wandergesellschaft nach der Besammlung beim Tower das East End betreten, dramaturgisch geschickt geführt von Steve, der ein brillanter Erzähler ist, Schauspieler von Beruf, Autor eines Musicals, für das er nun eine Bühne sucht. Strahlend hat er die 80 mal 4 Pound kassiert, die Hälfte gehört ihm, die andere der Organisation. «Walks» sind eine tragende Säule seines Lebensunterhaltes.
Es ist Theater am Tatort. Das Publikum: Gesetzte Damen, Rentner, junge Paare mit Rucksäcken, der Durchschnittstourist, Fotoapparat auf der Bauschwarte. Lustvoll erbebend wohnt die Gesellschaft zwischen den öden Betonmauern des Bankenzentrums und in den alten schmalen Gassen der Performance bei, die Steve ebenso lustvoll inszeniert. Blitzschnell zupacken, würgen, stechen, hacken, schneiden, säbeln, reissen, zerfleischen. Es geschah jeweils in wenigen Minuten, kein Opfer gab einen Laut von sich, und man schloss daraus, dass Jack The Ripper – so nannte sich der Mörder selber in Bekennerschreiben – anatomische Kenntnisse haben musste. Er wurde nie gefunden und auch seine Motive sind ein Geheimnis geblieben.
Wir besuchen auch die Garageneinfahrt, wo er eine halbe Leber deponierte und eine kryptische Botschaft an die Wand schrieb. Das Geheimnis Jack The Ripper beschäftigt noch heute eine Gemeinschaft von «Ripperologen», alle paar Jahre erscheint ein Buch mit der wirklich endgültigen Lösung des Falles. Die Theorien erstrecken sich von Juden über ein Komplott von Freimaurern bis zu einem Leibarzt der Königin, der einen Seitensprung vertuschen wollte, etwa 70 Verdächtige insgesamt.
Mary Jane Kelly hatte vor ihrer Ermordung im The Ten Bells Pub noch einen gekippt, Höhepunkt der Wanderung ist das Bier am Schauplatz. An der Wand hängen Zeitungsausschnitte, es gibt Ripperleibchen, Kappen und Videos zu kaufen, auf der Toilette Pariser. Heute wäre ein «Fourpenny Kneetrencher», also Sex an einer Backsteinmauer, «safer» als damals, doch die heutigen «Ladies of the night» streifen nicht mehr durch den Nebel, bis sie sich das Bett für die Nacht verdient haben, sie lassen per Telefon bitten und haben Dienstmädchen. Im The Ten Bells treten gelegentlich exotische Tänzerinnen auf, Strip natürlich, zur Erbauung der Angestellten, die aus den Banken herüberkommen. Also auch heute noch eine Dritt-Welt-Situation.
Steve hat seinen Job gut gemacht, Applaus, dann begleitet er die Gesellschaft noch zur U-Bahn, wo sie gegen Westen entschwindet, nur wir zwei fahren nach Osten.
Die London Walks sind nicht alle so gefragt wie wie Jack The Ripper, doch in der Regel professionell geleitet und die beste Gelegenheit, die Stadt, ihre Geschichte, ihre Winkel und Geheimnisse kennenzulernen. Für die morbid Veranlagten gibt es sogar eine «Tragical History Tour Ltd.», die ausschliesslich «Trips to Murder» organisiert.