Lond-on-line 29.3.

Die Mörder waren die netten Boys von nebenan, Allan Ford, Justin Fowler und Geoff Pernel erscheinen sauber gekämmt, glattrasiert, in modisch pastellfarbenen Anzügen und dezent gemusterten Krawatten vor Gericht. Ihr Opfer, die blonde dänische Reiseführerin Louise Jensen, haben sie mit dem Spaten so zugerichtet, dass sie nur noch anhand der Zähne identifiziert werden konnte. In Cypern, wo Grossbritannien noch eine Militärbasis in Dhekelia unterhält, haben die drei die junge Frau an einer Tankstelle aus dem Auto ihres Freundes gerissen, entführt, vergewaltigt, ermordet, verscharrt.

Ich will nicht urteilen, das machen andere. Die drei waren besinnunglos betrunken, wurden gleich nach der Tat verhaftet, halfen sogar bei der Suche nach der Leiche. In der Untersuchungshaft schob jeder die Schuld auf die andern. Die schreckliche Geschichte hat mich an meinen eigenen Militärdienst erinnert. An Alkoholexzesse, an das ständige Anmachen von Frauen, an die Zoten, an den Stumpfsinn und die Langeweile, an die unterschwellige Aggressivität und den sexuellen Hunger. Und an das Gefühl der Stärke, von Allmacht, das die Uniform verleiht.

Ich will nicht urteilen, ich war wie die andern, ich war keine Ausnahme. Habe mich besinnungslos besoffen, habe auch einmal einer Serviertochter die Hand auf den Hintern gelegt und im Suff alle Hemmungen abgelegt. Und oft frage ich mich, wie wäre ich geworden, in einem Krieg wie in Jugoslawien beispielweise, wenn zum Saufen und zum Zusammenbruch aller moralischen Dämme noch die politische Hetze kommt und der Hass. Nein, ich will mir nicht an die Brust schlagen. Ich kann nur hoffen, ich wäre anständiger geblieben – rein bestimmt nicht.

Immer wieder erinnere ich mich an S., das langweilige Dorf im Mittelland, als der Feldweibel den Damenturnverein aufbot, für den Kompanieabend, als die Frauen aus dem Dorf ihre Schenkel zeigten auf der Bühne, als sie sich nach dem Reigen zwischen die Soldaten zwängten oder gleich auf ihre Knie, als das Betatschen und Kreischen losging, und anderntags der eine und andere Familienvater sich brüstete, er sei dann noch zum Kaffee gewesen, bei der oder jener, und habe sie gebürstet auf dem Kanapee, von vorn und von hinten. Ich habe ich mich angewidert abgesetzt mit ein paar andern, aber wir waren wenige. Wenn ich die Berichte lese aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg über die Vergewaltigungen, dann kommt mir immer an S. in den Sinn, ein harmloses Dorf im Mittelland, betrunkene geile Männer in Uniform, die sich wie hungrige Tiere auf die Frauen des Damenturnvereins stürzen, und dann denke ich: Wir wären nicht anständiger als alle andern, wir wären in entsprechenden Situationen wie die Serben, wie die Deutschen im zweiten Weltkrieg, die ja auch einem anständigen, arbeitsamen zivilisierten Volk entstammten. Wir haben einfach Glück gehabt.

Ich will also nicht über die britischen Grünjacken urteilen, die zu Bestien geworden sind und sich nun wieder in die anständigen Burschen von nebenan verwandelt haben, für die Gerichtsverhandlung. Heute sind alle drei schuldig gesprochen worden. Nach diesem Mord haben keine Politiker vor der Fernsehkamera geweint. Die Nation schämt sich ein bisschen, die Anwaltskosten der Mörder, 100’000 Pfund, trägt das Verteidigungsministerium.

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