Lond-on-line 29.2

Ein bisschen sterben ist jeder Abschied, so sagt das Sprichwort so leichthin, doch die Abflughalle in Heathrow
ist nicht als Hospiz für leichtes Sterben und gefühlvolle Rituale
eingerichtet, die letzten lieben und vielleicht bedeutungsvollen
Worte und Gesten gehen unter in der Kakophonie von Whisky- und
Parfümreklamen (Marke Poême), dem Geschepper der Handgepäckwagen,
dem Geschrei von Kindern und der langweiligen Stimme aus dem Lautsprecher
die M. Tanaka an den Informationsschalter bittet, dem Klirren
von Tassen in einem Café und dem Fettgeruch von Burger King, vermischt
mit dem Aroma von Lederwaren und Schafwolle aus der Boutique.
Nein, man kann hier nicht mehr das Taschentuch wehen lassen wie
einst an Bahnhöfen, und sich anschliessend die Augen wischen.
Besser, man weint nicht, die geschäftige Welt erstickt ohnehin
die Gefühle, schon sucht man nach Ticket und Pass.
Ich hebe die Hand, dann verschwindet der hennarote Haarschopf
von Chris unter einem Schild mit der Aufschrift «Security». Sechs
Wochen, die längste Trennung unseres Lebens steht bevor: Doch
das Herz bebt noch wie vor dreissig Jahren, sonntagabends am Bahnhof
Örlikon, nur die Küsse waren etwas länger als heute.
Meine erste Amtshandlung als Strohwitwer ist der Gang auf die
Toilette und das Kaufen diverser Zeitungen. Dabei sticht mir das
Schild «Baby care» in die Augen und erinnert mich sogleich an
den kleinen Timothy Ian, für den der Abschied am Montag beinahe
wirklich Sterben bedeutet hätte, jemand hörte ihn auf der Damentoilette
von Terminal 4 weinen, er war gerade eine Stunde alt. Jetzt sucht
man seine Mutter, die, so vermutet Scotland Yard, längst in einem
andern Kontinent weilt, die Suche sei fast hoffnungslos, denn
10 bis 11 Millionen Menschen besteigen jedes Jahr in Heathrow
einen Jet.
Timothy Ian ist gesund, 7 Pfund schwer, der Bub hat im Ashford
Hospital in Middlesex Pflege und einen Namen bekommen. Ruhig schläft
er uns an von der Zeitungsfront, in seinem Bärchenfrotté und dem
blauen Käppchen. Er hat sich gewehrt und gewonnen, der kleine
Kerl!
Chris vergleicht das Kinderhaben manchmal mit den Vögeln, die
sich abrackern, ein Nest bauen, Futter herbeischleppen, in die
Schnäbel stopfen, dann den flaumigen Grünschnäbeln das Fliegen
beizubringen versuchen und bei manchen zuschauen müssen, wie sie
die Katze packt. Das Leben, welcher Gemeinplatz, ist voller Abschiede.
Wir haben unsere Kinder zwar nicht auf dem Klo ausgesetzt, aber
trotzdem in einer rauhen Welt und wer weiss, wer sie frisst. Timothy
Ian, der seine erste Lebensstunde in einsamem Kampf zugebracht
hat, hat gute Chancen, zu überleben.
Mit solchen Gedanken im Kopf fahre ich durch die schwarzen Maulwurfsgänge
unter der grossen Stadt zurück ins East End, während meine Schwalbe
hoch über den Wolken durch die Sonne fliegt.

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