Alice nimmt die Damen und Herren an der Hand und führt sie
ins Wunderland, Business Breakfast für Angestellte von Merrill Lynch, Investment Bank. Sie heisst wirklich Alice, die kleine blonde Frau mit dem neckischen Rossschwanz, Alice Larter hat sich ins lange Schwarze gestürzt und hochgeschnürte Schuhe an den Füssen, die sechs Banker tragen Nadelstreifen, die drei Bankerinnen zweiteilig dunkelblau. Cyberia wirkt sehr gediegen und gestylt an diesem Morgen, das Grün der frisch gestrichenen Wände leuchtet, dezent strahlt das Weinrot der Bar, die Farbklänge sind fein abgestimmt. Einziger Misston im durchdachten Ablauf ist der Maler, der unbeholfen hereintrampelt und dann nochmals ein Bote mit einem Karren Cola. «Event Manager» Kate Scrozynki dirigiert im Hintergrund blond/schwarz, Alice dagegen steht ein bisschen unsicher vor dem grossen Bildschirm neben der Bar. Gerade als ob sie eben durchs Mauseloch ins seltsame Reich der verrückten Hasen, der grinsenden Katzen und verschlafenen Mäuse geschlüpft wäre. Besonders wenn sich die Männchen im Publikum mit technischen Fragen profilieren, wie etwa nach der benötigten Bandbreite, muss sie sich mit einem charmanten Lächeln retten.
Aber auch Alice im Wunderland war ja stets ein bisschen verunsichert durch
die abstrusen und jeder Logik zuwiderlaufenden Vorgänge, und mit Logik
hat auch das Internet nicht viel gemein. Beim Hands-On Training hilft noch
eine dritte Blondine in Schwarz mit, drei Frauen als Instruktorinnen in
einem technisch orientierten Kurs haben die Banker wohl noch nie erlebt,
aber sie klicken brav auf ihren Mäusen durchs Wunderland Web, bald
hängen die Kittel an den Stühlen und die Ärmel sind hochgekrempelt
und Kate öffnet die Tür, weil es nach Schweiss zu riechen beginnt.
Nebenbei serviert sie Kaffee und Croissants. Schon tütelt irgendwo
Musik aus einem Lautsprecher, Gelächter, einer hat die Home Page seiner
Universität entdeckt und schickt ein E-mail, eine Dame findet stöbert
die Geschichte der Einkaufstasche auf und ein Linkshänder holt sich
die Adresse einer Firma auf den Schirm, die Tastaturen für Linkshänder
vertreibt. Auch das gibt’s im Wunderland. «Trink mich», «Iss
mich», steht im Wunderland auf Fläschen und Kuchen. «Hier
bestellen» steht auf dem Knopf im Web. Das Objekt erklärt seine
Funktion.
«Nur bitte keine Kreditkarteninformationen eingeben», warnt Alice.
Und empfiehlt Cybercash für
den Zahlungsverkehr unter den «Netcityzen». Vielleicht sind wir
ja alle im Wunderland oder einfach verrückt.
Cyberbreakfasts finden im Cyberia zwei bis drei pro Woche statt, für
so distinguierte Kunden wie Merrill Lynch, für British Telecom, das
Transportministerium oder den Supermarkt Sainsbury. Alice hat keine Oxford-
oder Cambridge-Biografie, sondern nach ihrem A-level da und dort gejobbt,
bis sie zu Cyberia kam. Jetzt erklärt sie den Herren in Nadelstreifen
die Zukunft. Da ist ja wohl wirklich ein Wunder geschehen. Denn selbst ihre
Chefin, Eva Pascoe, die Cyberia-Gründerin, bekennt in einem Interview
in «Wired», dass man als Frau im Geschäft noch immer einen
schweren Stand habe – besonders als blonde.