Sheryl ist blond, 43 Jahre alt, hat zwei Töchter und wiegt 144 Pfund, der Fremde ist ihr auf dem Netz begegnet, das Interesse war gegenseitig. «Frau sucht Mann» hiess die Rubrik im Cyberspace, auf die er bei seinen Wanderungen durch die fiktive Geografie der Stadt gestossen war, die wie eine geistige Ebene über der wirklichen Welt liegt. Frau sucht Mann, und welcher Mann sucht keine Frau. (Vielleicht ist das jetzt bereits die erste Idee für einen «Plot».) Der Fremde hatte Sheryl geschrieben und sie hatte ihm sehr rasch geantwortet, es war Nacht und er war einsam.
Sie sei Literaturagentin, schrieb sie, und Sprachlehrerin, geschieden, auf der Suche nach Neuem. Und wer ist schon nicht auf der Suche nach Neuem, geschieden oder nicht, Frau oder Mann. Der Fremde hatte ihr zurückgeschrieben, in der fremden Sprache, und sie hatte ihm Antwort gegeben, kurz und nett und ihn auf den einen oder andern Fehler im Ausdruck aufmerksam gemacht. Der Kontakt bahnte sich vielversprechend an. Ihre Antworten kamen oft innerhalb von Minuten über das Netz, nachts jedenfalls, am Tag schien sie abwesend oder beschäftigt zu sein oder zu schlafen, er fragte sie, ob sie ein Nachtmensch sei, doch sie gab auf diese Frage keine Antwort. Das schien übrigens eine stillschweigende Vereinbarung zu sein auf dem Netz: Man gab nur Antwort auf Fragen, die einem passten, die andern ignorierte man.
Sheryl ignorierte seine Frage, ob sie ihn auch einmal im realen Leben treffen würde, zwecks Konversation in der fremden Sprache. Es schien auch zu den stillschweigenden Vereinbarungen zu gehören, dass man bei Korrespondenzen der rosa Art Adresse und Telefonnummer auf dem elektronischen Schreiben löschte, so blieb man anonym. Doch er blieb hartnäckig, denn allmählich gaben ihm ihre lehrhaften Bemerkungen über seine Schreibfehler auf die Nerven, er wollte sie sehen, real, ihn der ganzen blonden Fülle ihrer 144 Pfund, denn er stellte sich auf Grund dieser wenigen Daten eine doch sehr stattliche Dame vor, kein Leichtgewicht, vielleicht gar eine Frau mit Herz, mit langen blonden Haaren jedenfalls und einem runden Gesicht und wahrscheinlich blauen Augen. Er wollte ihre Stimme hören und nicht nur ihre Buchstaben auf dem Bildschirm betrachten. Und vielleicht war im realen Leben ja alles anders, vielleicht war sie gar keine Frau, sondern ein Mann, ein Cybervestit, der ihn an der Nase herumführte, und sich an seinen hilflosen Annäherungsversuchen aufgeilte. Er schlug ein Café in der Stadt vor, es war Nacht, Sheryls Zeit. «You fucking asshole», war ihre Antwort. Es gab Sheryl, sie war blond, 43 Jahre alt, hatte zwei Töchter, wog 144 Pfund, doch sie lebte in Los Angeles.