Was hat Wissenschaft mit Glaube zu tun, frage ich mich unablässig in meinem Roman, in dem eine Gemeinschaft von einer Katastrophe bedroht ist, die gemäss dem Urteil der prominentesten Wissenschaftler unabwendbar ist. Es sei nur eine Frage der Zeit, so sagten die Geologen Albert Heim und Rudolf Staub vor 60 Jahren in Linthal, bis der Berg herabstürze und das Dorf vernichte. Die Geschichte ist wahr, zwei Jahre habe ich nachgeforscht und geschrieben und nun erlebe ich täglich fast gespenstisch denselben Vorgang. Rind statt Berg. Die Katastrophe, so haben Wissenschaftler vor ein paar Tagen entdeckt, ist unvermeidbar, der Rinderwahnsinn greift ans menschliche Gehirn, es ist nur eine Frage der Zeit. Wieder findet ein Bergsturz in den Köpfen statt.
Die Welt ächtet englisches Rind, MacDonalds verwendet keines mehr für seine Hamburger, in jedem Restaurant klebt ein Zettel in der Speisekarte,«no british beef», die Schulen haben Rind vom Speisezettel gestrichen. Ein Wirtschaftszweig ist innerhalb von Tagen ruiniert, es geht um rund 200’000 Arbeitsplätze und es gehe nicht mehr darum, ob die Rinder vernichtet werden, sondern nur noch wann. Man beginnt bei den Alten, das erinnert wieder fatal an Auschwitz.
Die Politik muss handeln. Sie lässt sich von einem wissenschaftlichen Komitee beraten, und das «glaubt nicht, dass zusätzliche Massnahmen nötig sind.» Zum Beispiel der Genozid an allen Rindern des Landes. Die Wissenschaft glaubt, das schlägt mir ins Gesicht, die Politiker glauben der Wissenschaft, wir glauben der Presse und dem Fernsehen. Unser Wissen schwankt auf schmalem Grund.
Wenn wir einmal ehrlich prüfen, was wir aufgeklärten Menschen eigentlich wissen und was wir bloss glauben, so müssen wir zugeben, dass unser Wissen wirklich schmal ist. Wissen würde ja eigene Anschauung, Erfahrung, eigenes Nachprüfen bedingen. «Ich glaube nur, was ich sehe», sagt selbst der Volksmund. Und wir sehen ja vor allem fern. Es ist also eher die Frage, glauben wir unserer Zeitung, unserem Sender, dem Professor oder dem Pfarrer. Die Linthaler glaubten damals dem Pfarrer nicht und auch den Wissenschaftlern nicht, sie glaubten der eigenen Erfahrung und dem Augenschein und bekamen am Ende recht, die Katastrophe fand erst ein Dutzend Jahre später statt und dort, wo sie niemand erwartet hatte. Und in diesem Winter stürzte der Berg in der Nähe von Linthal ebenfalls hernieder, niemand hatte es vorausgesagt oder vorausgesehen.
Trotzdem handeln wir, als ob unser Glaube Wissen wäre, wehe, jemand bezweifelt das. Auch ich esse kein Rindfleisch mehr, und komme mir vor wie jemand, der nicht sündigt, obwohl er nicht sicher ist, ob es ein jüngstes Gericht überhaupt gibt, aber man kann ja nie wissen. Gescheiter ist besser. Um wirklich zu wissen fehlen uns ja schlicht die Instrumente. Wir können weder ins Innere eines Gehirns oder eines Bergs und schon gar nicht ins Jenseits blicken. Wird unser vermeintliches Wissen auf die Probe gestellt, so bricht unsere rationale Gesellschaft zusammen wie ein Turm aus Bauklötzen (oder der Turm zu Babel). Die Reaktionen auf die Entdeckung eines schottischen Wissenschaftlers, dass ein Zusammenhang zwischen einer tierischen und einer menschlichen Erkrankung bestehen könnte, haben mit Rationalität nichts zu tun. Da bricht ein Turm zusammen, der auf dünnen Säulen steht. Das moderne Agrobusiness wird uns weitere Katastrophen bescheren. Wir wissen es ja eigentlich schon lange – oder wir glauben es schon lange.
Der gewöhnliche Bürger sieht auch nicht in eine menschliche Lunge hinein, er muss also auch glauben, dass sie wahrscheinlicher von Krebs befallen wird, wenn sie Asbestfasern einatmet. Ein konservativer Politiker und eine Politikerin des Westminster City Councyl, Barry Legg und Dame Shirley Porter, haben hundert obdachlose Familien in Wohnungen untergebracht, von denen sie wussten, dass sie mit Asbest verseucht sind. Sie haben geglaubt, es sei zu ihrem besten und erst noch kosteneffektiv, sagen sie mindestens. Obdachlose werden weder verspeist noch exportiert wie Rinder, der Skandal hält sich also in engen Grenzen.