Lond-on-line 28.2.

Du kannst in jedem Ding eine Inspiration finden, wenn du sie nicht finden kannst, schaust du nicht richtig, sagt Paul Smith. Also schauen wir die Ausstellung an, die das Design Museum dem britischen Stardesigner widmet. Paul Smith, true brit, eine «one man show».
Es begann mit einem Velounfall, welcher eine geplante Karriere als Rennfahrer
beendete, ein Rennvelo mit verbogenem Vorderrad ist das erste Ausstellungsobjekt,
dem wir begegnen. Starkult, darf wohl sein, denn schliesslich steht Paul
Smith für «eine der grössten britischen Erfolgsgeschichten
der letzten 25 Jahre». Und Erfolg hat dieses wirtschaftlich darniederliegende
Land bitter nötig – besonders, wenn die Story noch der Ideologie
des Tüchtigen entspricht, der sich von unten hochgearbeitet hat, dank
Ideen, Fleiss und gesundem Geschäftssinn.

Jedenfalls hatte Paul Smith, Sohn eines Tuchhändlers, nach seinem Velounfall
im Spital ein paar Monate Zeit zum Nachdenken. Und eröffnete dann vor
25 Jahren in Nottingham mit 600 Pfund einen Shop, zwölf Quadratfuss,
keine Fenster, Miete zehn Schilling die Woche. Geöffnet nur Freitags
und Samstags, denn Smith hatte während der Woche zu arbeiten, musste
seine Familie unterstützen, er machte «alles, um einen Groschen
zu verdienen». Hoch klingt das Lied vom Tellerwäscher. Seine Partnerin
Pauline verdiente mit, Paul und Pauline, eine Liebesgeschichte? Ausstellung
und Prospekt schweigen sich aus.

Das erste Ding, das Paul je verkaufte, war ein Taschentuch mit aufgedruckter
britischer Fahne, a true Brit. Auch die Kleider und Stoffe, die er kreiert,
wirken irgendwie traditionell und trotzdem bequem, die Werbung dagegen ist
eher ein schales Echo aus den Fünfzigern. Aber offenbar kommt sie an,
nicht nur in England. «Britischismus» maximieren habe er immer
wollen, sagt er. Mit seinen Kleidern die Lücke zwischen Salon und Strasse
schliessen.
Paul Smith Limited, heute ein Label, ein Konzern, verkauft in 163 Shops
weltweit, London, Paris, N.Y., Honkong, Singapore, Japan, Seoul, Taipei
und Bankok. Ein Gewürz im weltweiten Eintopf. Smith setzt 85 Millionen
Pfund um, ist grösser als Armani, Gucci oder Chanel, 245’000 Hemden,
100’000 Anzüge, 100’000 Hosen, 125’000 Krawatten landen in den Tragtaschen.
Die Fabrik ist in Nottingham geblieben, «eine Armee von Arbeitern»
schneidert dort für Paul und fühlt sich noch immer im Familienbetrieb.

Paul, der mit siebzehn die Ausbildung schmiss, kann nicht zeichnen, «no
formal training», trotzdem trägt er stets Notizblöcklein
mit sich herum, wo er geht und steht schreibt er auf, was ihm einfällt,
selbst im Bad. «Weil ich nicht zeichnen kann, brauche ich Wörter.»
Das Zitat gefällt dem Schriftsteller natürlich, der auch nicht
zeichnen kann, bei Gelegenheit wird er es nutzen. In den früheren Tagen
habe Pauline die Kleider entworfen, was aus ihr geworden ist, steht nicht
im Programmheft. Ja, man macht sich halt da so seine Gedanken, so ein Stardesigner,
der doch gewiss umschwärmt ist von biegsamen Models und allen Schönen
der Welt.
Die Notizbüchlein sind ebenfalls ausgestellt, ebenso die Brieflein
für Blumensamen, die Paul zu Stoffmustern anregten oder der alte Rucksack,
der Hemdenstoffe ziert. Im weiteren Krimskrams aus seinem Studio in Covent
Garden, London. «Das Büro ist das Abbild meines Gehirns.»

Wie er sagt, schaut er, nimmt etwas auf, macht etwas draus. Das kann ein
Aschenbecher sein oder das Kabelgewirr der U-Bahn oder die britische Fahne.
Und so wandern wir kleinen Leute, die es zu nichts gebracht haben, hinaus
aus der Ausstellung und denken: Eigentlich könnten wir es ja auch,
warum haben wir es nicht gemacht, warum hat es nur der Paul geschafft, und
wir nicht? Wir haben wohl einfach nicht richtig hingeschaut. Jedenfalls
kaufe ich mir jetzt ein Notizbüchlein.

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