Lond-on-line 27.6.

Während England mit Deutschland kämpft, erklimmen wir
Corfe Castle,
Dämmerung breitet sich über die Hügel,
am Steilhang unter den Mauern und Türmen pflügen sich Schafe in
Einerkolonne durch Brennesseln, jenseits des Tals weiden Pferde. Stille,
leichter Wind. Das Tor zu der imposanten Ruine auf der Isle of Purbeck westlich
von Bournemouth ist geschlossen, täglich wird sie von Touristen gestürmt,
doch nachts haben wir sie ganz für uns allein. Kletterer kennen keine
Barrieren, die Schlossmauer ist steil aber griffig. Wir kommen von Portland
und haben die sehr schwere Route «Pump Hitler» geklettert, ein
fürchterlicher Name für eine wunderschöne Linie, pfeilgerade
die senkrechte, glatte Kalkwand hinauf und über den abschliessenden
Dachüberhang. Vielleicht soll der Name daran erinnern, dass sich an
dieser Küste 1944 die Armada versammelte, die zur Invasion von Hitlers
Reich ansetzte. Mit Erfolg, wie man weiss. Die Erstbegeher der Route müssen
aber jedenfalls gewisse antideutsche Gefühle gehabt haben, sonst wären
ihnen nicht ein so abstruser Name eingefallen. Vorher hatten wir auch noch
die Route «Sink Bismark» geklettert, ebenfalls nicht gerade eine
Liebeserklärung an die starken Partner auf dem Kontinent.

Die Gefühlswelle gegen die Deutschen brandet so hoch, dass sie selbst
zu Diskussionen im Parlament Anlass gibt. Die Tabloids, also die Boulevardblätter,
haben tüchtig geschürt, mit Schlagzeilen wie: «Football war
on Germay», «Watch out Krauts. England are gonna bomb you to bits…»
Oppositionsführer Tony Blair meinte, Konservative Zirkel sprächen
heute in Worten über die Deutschen, welche man vor 80 Jahren für
die Juden benutzt habe und vor 100 für die Iren. Der «Independent»
mahnt besonnen: «Don’t be beastly to the Germans» – nachdem die
Zeitung einen Tag zuvor ebenso fett getitelt hatte: «Germans undermine
Major.» Bundeskanzler Kohl war eben gar nett mit Tony Blair, als er
letzte Woche bei den Krauts zu Besuch weilte, die Deutschen warten jetzt
auf die Machtergreifung durch Labour. Die Engländer haben halt einfach
etwas gegen die einstigen Feinde, obwohl sie ihnen das Königshaus verdanken
und noch viel anderes mehr, wie der Independent versichert. Dass nun die
beiden Nationen auf dem Rasen zusammenprallen, lässt Böses ahnen.
Einst fochten ja die Ritter stellvertretend fürs Volk, fällt uns
auf Corfe Castle ein, heute sind es die Fussballer.

Hoffentlich gewinnt England. Das Spiel stand nach dem Nachtessen 1:1, es
musste also weitergespielt werden, gab es nach einer halben Stunde noch
kein «goldenes Tor», dann würde es zum Penaltyschiessen kommen,
dem Alptraum. Als wir vom Castle herabkamen ins Dörfchen Corfe, da
schallte es in regelmässigen Abständen aus offenen Pubtüren,
das Penaltyschiessen war offensichtlich im Gang. Wir spazierten noch um
die Kirche, die wie alle Häuser aus dem grauen Kalkstein der Gegend
für die Ewigkeit gefügt ist, selbst die Dächer sind aus Stein.
Auch die mächtige Burg wäre wohl für die Ewigkeit auf dem
Hügel gestanden, wäre sie nicht im Bürgerkrieg geschliffen
worden. Jetzt ragt sie nur noch als pittoreskes Gerippe schwarz in den hellen
Himmel. Als wir den Hinterraum des Hotels betreten, wo die Leute vor dem
Bildschirm hocken, das Bierglas in der Hand, knallt Southgate seinen Penalty
gerade dem deutschen Torhüter in die Hände – aus. Deutschland
hat England besiegt. Ein bisschen enttäuscht gehen die Leute ins Restaurant
hinüber, das Essen ist kalt geworden. Stille fällt über Corfe.

In London und andern Städten schlägt jetzt die Stunde der Hooligans,
die Schaufenster zertrümmern und Autoscheiben, Autos anzünden
oder umkippen, gröhlen, saufen, toben. Einem deutschen Laden der Aldi-Kette
werden Scheiben eingeschlagen, deutsche Austauschstudenten beschimpft und
ein russischer Junge mit Messerstichen verletzt, weil der Täter meinte,
er sei Deutscher. Fast eine kleine Kristallnacht also, aber diesmal mit
umgekehrtem Vorzeichen. Schuld an den Exzessen sei, so sagt ein Polizeioffizier,
nicht Rechtsextremismus oder Rassismus, sondern schlicht und einfach der
Alkohol. Vielleicht ist auch Premierminister John Major schuld. Die Times
hat ihm vorgeworfen, dass er die englische Mannschaft nicht klar dazu aufgerufen
habe, zu siegen, sondern nur ein faires Spiel gewünscht habe. Dass
die Deutschen gewonnen haben, ist aber schon sehr unfair. Zum Glück
haben sie wenigstens den zweiten Weltkrieg verloren, sonst wäre vielleicht
nicht nur Corfe Castle eine Ruine, sondern auch das Dorf.

Braungebrannt von der südlichen Sonne kehren wir in ein London zurück,
in dem die Katerstimmung mit Händen zu greifen ist. Muff wandern die
Leute auf den Strassen dahin, in noch nie gesehenen Massen, die U-bahn-Lokomotivführer
streiken, sie wollen mehr Lohn, bloss ein Drittel der Züge fährt,
vollgestopft mit schwitzenden und trüb dreinschauenden Menschen. Dabei
gehören sie, so versichert das Management, mit 24’500 Pound Jahreslohn,
zu den gut Verdienenden. Auch die Post geht nicht ab, 134’000 Kommunikationsarbeiter
von Royal Mail haben einen zweiten Streiktag eingelegt.

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