Lond-on-line 27.5.

Sechs Maulorgeln, ein Feuerzeug, acht Zigarillos liegen auf einer
schwarzen Schachtel,
eigentlich wollte ich diese Dinge in mein Notizbuch schreiben,
doch dann fand ich es wieder unpassend, Chris ist hier und der
Abend ist warm und die Musik rockt in unseren Ohren und schwingt
durch unsere Körper, wir sitzen zuvorderst, gerade einen Meter
vom Sänger und Gitarristen entfernt, der nach einer Zigarillo
greift in den kurzen Pausen, wenn die andern zwei Gitarren weiterspielen,
sie in den Mund steckt, das Feuerzeug aufflammen lässt, einen
Zug nimmt, dann das Mikrofon wieder dicht an seinen Mund führt
und singt, die Anlage brummt, wenn die Musik etwas leiser wird,
einer der Gittarristen rüttelt an einem Stöpselstecker, der Brumm
wird lauter, wieder leiser, ein Wackelkontakt, dann lässt er die
Saiten wieder aufwimmern, noch lauter, noch härter, der Brumm
taucht ab, und durch mein Hirn flitzt ganz kurz die Erinnerung
an die Störsignale, die wir bekämpften, vor bald 30 Jahren beim
Bau von hochempfindlichen Verstärkern am Institut für Physikalische
Chemie, Forschungsapparaturen für die Kernresonanzspektroskopie,
ja, ich wusste, wie man Brumm und Rauschen bekämpft, mit Erdung
und Schirmung und verdrillten Leitngen und geschicktem Schaltungsbau,
und vielleicht könnte ich es noch immer, doch jetzt schlägt mir
die Musik die Erinnerung aus dem Kopf und ich wippe wie alle andern
in dem dichtgedrängen Pub in Greenwich, es ist Festival, aus diversen
Lokalen schallt Livemusik in den zauberhaften Abend, auf der Strasse
flitzen Skater und Rollbrettler und die Stadt in der Ferne zeigt
eine leuchtende Skyline vor hellem Abendhimmel, BT-Tower, St.
Pauls, Center Point, NatWest Tower wie Spielzeug und mächtig,
gegenüber, der Canary-Wharf Tower mit leuchtendem Dach und pulsierendem
Warnlicht wie ein Riesenkristall, das Publikum wippt und schwingt
im ohrenbetäubenden Sound und selbst ein behinderter Mann hinter
uns, mit Kissen und Gurten in einen Rollstuhl gezwängt, einen
Sauerstoffschlauch im Mund, schaukelt mit, mit ernstem abwesendem
Gesicht, und eine schwarzgekleidete Frau massiert im Takt die
Oberschenkel ihres Partners, und er die ihren, und über ihnen
an der Decke zeichnet die Überwachungskamera jede Bewegung auf.

Wie soll ich die Szene beschreiben, die ausserordentlich bewegt
ist und doch ohne Handlung, ausser, dass der Sänger, bärtig, mit
Wollhaar, Rossschwanz, Hut auf dem Kopf, jetzt nach einer Maulorgel
greift, während der zweite Gitarrist mit der Fusstaste das Wimmern
seiner Saiten in die Länge zieht. Elektronik, in dieser Welt der
Drähte und Transistoren, der Stecker und abgeschirmten Kabel hat
mein Leben einst begonnen, ich sehe den Oszillografen vor mir,
das schreckliche Wellensignals des Brumms, der gefürchteten 50
Herz, das ich kaum noch wahrnehme, vergraben in der Musik, die
ich nicht beschreiben kann. Leute kommen, gehen, die korpulente
Wirtin drängt sich durch die schwitzenden Menschen, in einem weissen
Kleid, sammelt leere Biergläser ein. Draussen stehen ein paar
am Fenster, schauen herein, und allmählich fällt die Nacht. Über
den Dächern steht der Mond halb, zunehmend. Halbzeit ist längst
vorbei.

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