Malerisch raucht in der Ferne der Schlot eines Zementwerks,
ein kühler Wind weht über die Hügel, jahrhundertealte Trockenmauern
säumen Weiden, über die Schafe und Lämmer verstreut sind,
an der Kante der Hochfläche bricht eine dunkle Klippe ab, kilometerlang,
zerklüftet, von Gletschern geschliffen, von horizontale Spalten durchzogen.
Ein paar bunte Kletterameisen krabbeln in Rissen hinauf, zwanzig Meter,
dann fällt der Blick über weite Moore und sanfte Hügelzüge.
Peak Distrikt, ein Zauberland zwischen den Industriestädten Manchester
und Sheffield, Nationalpark, Erholungsgebiet, ausgestattet mit uralten Pubs,
Schlössern, putzigen Dörfern und präzis gefügten Trockenmauern
aus «Gritstone».
Gritstone, das ist nicht nur Klettern, das ist eine Religion, steht im Führer.
In den Klippen aus einem weichen, dunklen, wahrscheinlich aus Urgestein
gebackenen Sandstein, dulden die Locals keinen Bohrhaken oder sonstigen
Kletterschrott. Man sichert mit «natural gear». Wobei das Wort
«natürlich» natürlich nicht wörtlich zu nehmen
ist. Die Kletterer sichern sich mit High-Tech-Instrumenten, «Friends»
und «Nuts» genannt, welche in die Risse geklemmt werden, aber
wieder entfernt. Zurück bleibt nur Natur und ein Hauch Magnesia.
So stehen Alan und ich also eines Morgens unter der zwanzig Meter hohen
Wand, ausgerüstet wie für einen Tausend-Meter-Bigwall, noch ist
es kalt. Die Fahrt von London herauf hat viereinhalb Stunden gedauert, im
Rush, auf der Autobahn, Frühstück in der Raststätte, dann
mehrmals verfahren im komplizierten Peak. Wir hatten Zeit, uns unser Leben
zu erzählen, was ja auch interessant ist. Alan war Devisenhändler,
zuerst Wall Street, dann National Westminster Bank, London. Also einer dieser
coolen Typen, die, umstellt von Bildschirmen, innert Sekunden Millionen
rund um den Erdball schieben und dabei Millionen gewinnen oder verlieren.
Alan lächelt fein.
«Wieviele Milliarden hast Du in den zehn Jahren verschoben?»
Er zuckt die Achseln. «Keine Ahnung.»
Der Job hat ihm gefallen, nein, ans Verlieren dürfe man nicht denken,
sonst könne man nicht mehr schlafen. Verloren habe er übrigens
nie.
«Wieviel verdient ein Banker in der City?»
Alan zögert, dann sagt er rasch: «Fünfzig- bis hundertfünfzigtausend.
Dazu Provision.»
Ich frage nicht weiter. Er habe einiges auf die Seite legen können,
sagt er, und eine Abfindung bekommen. Nun hat er Zeit zum Klettern.
Aufgehört hat er, weil er seine Kollegen und den Boss «fucking
assholes» fand. Nur Geld im Kopf. Jetzt setzt er sich mittags, nach
dem täglichen Sporttraining, mit einem Buch in eine Kirche, hört
Orgelmusik und Rezitale und liest ein Buch, meist Geschichte des Mittelalters.
Lernt Italienisch; Französisch und Spanisch kann er schon. Seine Frau,
Amerikanerin mit sizilianischen Grosseltern, gross und schön, hat Heimweh
nach Boston, es sei schwer, selbst für Amerikaner, in London Anschluss
zu finden, sagt Alan. Nur wir Kletterer, glückliche Menschen, finden
immer wieder Freunde, weil wir aufeinander angewiesen sind.
Er ruft mir vom Boden aus die richtigen Spalten und Dimensionen für
die natürlichen Sicherungen zu, ich lerne, und die letzte Route, abgeschlossen
von einem richtigen Dachüberhang, meistere ich gut, nachdem Alan umkehren
musste. Der Meerwind pinselt mir den Bauch.
Auf der Heimfahrt essen wir in Chesterfield in einer richtigen Fish and
Chips Bude Hühnerpastete, weisse Bohnen und Chips, eine dicke Portion.
Alan bezahlt. Als ich bezahlen will, heisst es, das war für beides
zusammen.
Dann Motorway, Alan überholt ein Auto mit einem blonden Girl am Steuer,
lacht verträumt. «Weisst Du, die englischen Frauen sind irgendwie
interessanter als unsere, sie haben mehr Kultur, man kann diskutieren.»
Da schimmert ein Problem durch, seine Sicilia-USA-Schöne kenne halt
vor allem die Sprache der Tränen, klagt er.
«Kann sie kochen?» frage ich.
«Sie betritt die Küche nicht. Aus Protest, ihre Nonna stand ein
Leben lang am Herd. So koche ich halt.»
Wir lachen. Ein herrlicher Tag in warmen Felsen in einer zauberhaften Landschaft
mit einem feinen Menschen. Es ist Frühling geworden, was will man mehr?