Manchmal fühlt er sich wie ein Molekül in der Masse, in den Röhre U-bahn zur Rush hour, am Wochende auf dem Leicester Square oder in der zweieinhalb Kilometer langen Einkaufsstrasse Oxford Street, der Fremde fühlt sich als winziges Teilchen dieses durcheinanderfliessenden und miteinander strömenden, wirbelnden und stockenden zähflüssigen Stromes, und immer denkt er dabei an den Physikunterricht vor vielen Jahren, als man das Verhalten eines Molküls im Gas berechnet hatte, wie es seine Bahn zieht im Raum, bis es mit einem andern zusammenprallt, mit einer statistische Formel lässt sich daraus der Druck berechnen, und ebenso fühlt er sich, winzig und beliebig, eine statistische Grösse im All. Einmal staut sich die Masse in einer engen U-bahnröhre, der Druck nimmt zu und die Hitze steigt wie in einem komprimierten Gas eben, er wird gegen eine Wand gequetscht, leise Panik ergreift ihn. Dann strömt der Strom wieder, jetzt denkt er an Elektronen in einem Leiter, und es gilt wohl ebenso das Gesetz, dass Spannung gleich Strom mal Widerstand. Erde bist du, steht schon in der Bibel. Erde kann heissen Elektron oder Gasmolekül oder Mensch.
Wenn der Fremde dahinschreitet, er hat ein Ziel und doch keines, dann schaut er manchmal in die Gesichter, die dann in seines schauen, ein kurzer Blick, wegsehen, und oft hat er das Gefühl, dass er das fremde Gesicht kennt. Er ist in diesem täglichen Menschenstrom in dieser fremden Stadt zum Schluss gekommen, dass es nur eine beschränkte Anzahl verschiedener Gesichter überhaupt gibt, vielleicht fünfzig oder hundert, also nur wenige grundsätzlich verschiedene Erscheinungen. Lavater hat ja einst eine Physiognomie entwickelt, die Menschen nach ihren Gesichter in Kategorien eingeteilt. Und so kommt es dem Fremden vor, als habe er alle schon einmal gesehen. Den versoffenen Berufsschullehrer, die erste ferne Liebe, den Freund, der unter einer Lawine starb. Er ist aus dem Grab gestiegen, er kommt ihm entgegen, ein kurzer Blick, ein Aufblitzen des Erkennens und weiter. Der Fremde schreitet dahin und es ist, als sei er von lauter Bekannten umgeben, als sei er nicht fremd und verloren und einsam, sondern geborgen und aufgehoben in der schwarzen Masse.
Vielleicht ist es so am jüngsten Tag, wenn wir uns alle nochmals begegnen, im gewaltigen Strom der Seelen, die zum Richtstuhl getrieben werden. Da ist der Freund, den man nie mehr gesehen hat, seit die Freundschaft zerbrochen ist. Da ist der eigene Sohn, den man schmerzvoll vermisst. Und da ist die Dichterin, die er einmal küsste, heimlich und kühl. Salman Rushdie schreitet vorüber, gebückt und mit schütterem Haar. Und da ist sein Vater, den grauen Stoppelbart im faltigen Gesicht und die melancholischen Augen. Vorbei. In im schwarzen unruhigen und ziellosen Menschenstrom spiegelt sich nichts als sein eigenes Leben, in den hunderttausend Gesichtern findet er alle Schuld, alles Glück und alle Leidenschaft wieder, und sie strömen vorbei, unaufhaltsam und unerbittlich wie das Leben selber.