Lond-on-line 27.2

William Brittain perfektionierte die Zinnsoldaten, die ein Preusse erfunden hatte. Ist Krieg, so spielen die Kinder
Krieg, Kanonen, Pistolen, Uniformpuppen und Brettspiele dienen
der Einführung ins tödliche Handwerk, im zweiten Weltkrieg stand
sogar der gute alte Teddybär stramm und war Soldat. In Polloks
Toy Museum wird deutlich, wie genau die Spielzeugwelt die Gesellschaft
widerspiegelt, ihre Technologie, Architektur, Mode, aber auch
ihre geistige Ausrichtung. Die Bauernhöfe mit Kühen und Schafen
zum Spielen seien nach dem ersten Weltkrieg erfunden worden zum
Zweck der Friedenserziehung, lese ich in einem Text. Im zweiten
gab’s dann wieder den Offizier in Helm und Mantel, Säbel, Pistole
und Feldflasche übers Kreuz gehängt.

Manchmal nimmt die Kinderwelt allerdings die der Erwachsenen vorweg.
Seit 1837 gab es rotierendes Kino, Zoetrop genannt, der Film ist
also nicht erst hundert Jahre alt, wie man uns letztes Jahr weismachen
wollte. Nur wiederholten sich die Bewegungen der Menschen endlos,
denn die Bildsequenz rotierte in einem Zylinder, den man auf den
Stubentis stellte, durch Schlitze konnte man den Video des 19.
Jahrhunderts betrachten, die Szenen wechseln. War einem das tanzende
Paar verleidet, so legte man den Reiter ein, der übers Feld jagte.
Die endlose Repetition der immer gleichen Bewegung erinnert an
die damals vorherrschende Manufaktur und die aufkommende Industrieproduktion,
sie widerspiegelte den Alltag in seinem ewig gleichen Takt.

Etwa zur selben Zeit, nämlich 1820, erfand ein William West das
englische Papiertheater, Toy Theatre oder auch Juveniele Drama
genannt. Kulissen konnten von oben und von der Seite eingeschoben
werden, Figuren an Stecken hin und her bewegt. Für zwei oder drei
Schilling gab es eine Bühne, ein halbes Dutzend Figuren, ein Dutzend
Kulissenteile, ein Spielbuch, meist den erfolgreichen Stücken
der Londoner Theater nachgebildet. Das Papiertheater war der «Gameboy»
des letzten Jahrhunderts, nur mussten die Kinder noch ein wenig
mehr tun, als nur Knöpfchen drücken.

Benjamin Pollok, Sohn jüdischer Einwanderer, heiratete die Tochter
eines Buchbinders und Tabakhändlers, der Papiertheater herstellte,
und wurde ein legendärer Drucker und Verleger des Papiertheaters,
der während 60 Jahren im East End mit derselben Lithopresse druckte,
selbst Chary Chaplin und andere Prominenz pilgerte nach Hoxton
in seinen Shop. Pollok starb 1937, zwei Töchter führten den Shop
weiter, 1944 wurde er von einer fliegenden Bombe getroffen. Doch
die Firma Pollok existiert heute noch, sie betreibt das Toy Museum
an der Withfieldstreet gegenüber dem Cyberia Internet Café und
vertreibt noch immer Papiertheater. Die Spielzeuge von gestern
und von morgen sind friedlich vereint.

Ein überdimensioniertes, automatisiertes Papiertheater haben wir
ja bei der Führung durch die Tower Bridge gesehen – dieselbe gibt
es im Museum natürlich auch als Bausatz aus der Jahrhundertwende,
zum Zusammensetzen aus 93 Teilen.
So wird die Wirklichkeit zum Spielzeug und das Spielzeug zur Wirklichkeit,
eine unendliche Widerspiegelung, sozusagen die Rekursion des Lebens.
Bekannt ist ja, dass Konrad Zuse, der kürzlich verstorbene Computerpionier, seine ersten Konstruktionen
mit dem Meccano baute. Auch dessen Vorläufer sind in Polloks Toy
Museum zu betrachten.

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