Stalin, Trotzky und Lenin sassen im East End an einem Tisch,
einen Tag vor den russischen Präsidentenwahlen darf man sich nochmals
daran erinnern, vielleicht landet die kommunistische Partei endgültig
auf dem Müllhaufen der Geschichte. Was kommt, weiss niemand, eine Vision
gibt es nicht. Weil ich Kopien brauche, wandere ich durch den Markt an der
Whitechapel Road bis zur Nummer 221. Hier war einst der Jewisch Socialist
Club, heute ist ein Fotoladen im Parterre, im ersten Stock eine Zahnklinik,
keine Spuren von Weltgeschichte.
«Doch, doch, da war etwas, 1907», sagt Mr Stuart und lacht. «Aber
ich erinnere mich nicht mehr genau. Unter dem Dach da oben trafen sie sich.»
Sein Zeigefinger weist zur niedrigen Decke.
Im Mai 1907 waren die Gründerväter der Sowjetunion noch keine
Todfeinde, der Zar, der gemeinsame Feind, noch an der Macht. Sie unterschrieben
einen Schuldbrief, George Fels, ein reicher amerikanischer Naphta-Fabrikant,
lieh den Revolutionären 1700 Pound, das reichte damals für eine
Druckmaschine und für Reisespesen. Noch kämpfte die Russische
Sozialdemokratische Arbeiterpartei mit dem Wort, nicht mit der Waffe. Die
Partei, damals noch geeint, hielt im East End ihren fünften Parteikongress
ab, im Estrich des unscheinbaren Hauses hallten gewiss lange und schwere
Reden und der Stumpenrauch trieb in Schwaden. Die Schuld wurde 15 Jahre
später zurückbezahlt, angeblich auf Anweisung des sterbenden Lenin.
Vielleicht hoffte er trotz allem noch auf den Himmel. Lenin hatte 1902-1903
in London gelebt, noch schwebte der Geist von Karl Marx über den Dächern.
East End Folklore. Heute pulst der Verkehr, die Marktfahrer bauen ihre Stände
auf, Gemüse, Kleider, Schuhe und Taschen, ein gelber Helikopter landet
auf dem Dach des Royal Hospital. Mr Stuart verkauft Filme und hie und da
eine Kamera, man kann auch farbig kopieren.
«Ja, ja, das Haus ist berühmt», sagt er. «was solls…»
«Vielleicht hilft es mal dem Geschäft», sage ich.
Er lacht. «Wir wollen es hoffen. Man kann nie wissen.»
Die weisse Farbe blättert von dem Haus Nummer 221, über einem
Fenster im Obergeschoss bricht ein Farnkraut aus der Fassade, ein einziges
Blatt reckt sich empor. Zur Sonne, zur Freiheit.