Lond-on-line 26.5.

Die stoische Ruhe im Chaos ist Überlebensstrategie, denn manchmal möchte man verweifeln, wenn man von A nach B reist. Der Fremde wundert sich erst, wie geduldig und ruhig und scheinbar unbewegt die Locals in der Schlange stehen und in der U-bahn sitzen, in sich gekehrt, ernst und in die Zeitung vertieft. Schliesslich bemerkt er, dass er selber dieses Verhalten übernommen hat. Es bleibt einem schlicht nichts anderes übrig, man muss ja das Herz schonen.

Ausnahmsweise hatte ich Glück, die U-bahn fuhr gerade ein und ich war in Eile, kam um viertel vor Neun am Viktoriabahnhof an und rannte die dreihundert Meter zur Coach Station im Laufschritt. Alan stand in der Schlange vor dem Billettschalter, um neun fuhr der Bus. Ich fragte den Fahrer, ob wir nicht im Bus lösen könnten, er hatte ja noch Platz. Nein, das war nicht möglich. Nach einer halben Stunde kam Alan vom Schalter, die Billette waren überraschend billig, der Bus längst weg. Das ist also der Preis der niedrigen Tarife auf den Bussen. Letzthin hatten wir einen Schock erlebt, als wir mit dem Zug nach Sheffield fuhren. Für die 78 Pound hätte wir mit dem Bus bis nach Polen reisen können, aber wer hat schon Lust, mit dem Bus nach Polen zu reisen, ausser er hat wenig Geld und muss unbedingt hin.

Wir setzten uns also ins Café, der Zehnuhrbus kündigte sich mit 25 Minuten Verspätung an. Dann stand er im Stau, Überlandfahrt, und in Bristol stand er wieder im Stau, es war gerade Mittagszeit. Man kann ja nicht verlangen, dass man für achteinhalb Pound nach Bristol und zurück chauffiert wird, mit Nackenstütze und Ventilation und dann auch noch pünktlich.

Die Rückfahrt hatten wir auf sechs Uhr gebucht, versuchten dann aber schon, den Fünfuhrbus zu nehmen. Was uns sozusagen im Faustkampf um die wenigen nicht gebuchten Plätze gelang – nach einer Stunde Wartens, denn der Fünfuhrbus fuhr pünktlich um Sechs. Was der Begriff «heavy traffic» bedeutet, wurde uns dann sehr anschaulich vorgeführt, Stau bis wir Bristol verlassen hatten, Fahrt im Schritttempo auf der Autobahn lange vor London schon. Meine schlaue Idee, schon bei Earls Court auszusteigen und die U-bahn zu nehmen geriet dann schliesslich auch noch zum Flop. Als ich merkte, dass ich in einem Zug sass, der aufs Abstellgleis fuhr, konnte ich die Türen schon nicht mehr öffnen.

Reisen hat die schöne Seite, dass man irgendwie immer an irgend ein Ziel kommt. An diesem Pfingstfreitag habe ich neun Stunden in öffentlichen oder privaten Verkehrsmitteln zugebracht oder mit dem Warten auf sie. Aber es war doch ein schöner Tag, zusammen mit Alan, der selbst im Bus seine Italienischlektionen lernte. Seine Blicke wurden zwar zunehmend verzweifelter, seine Frau wartete schon zwei Stunden, und sie ist ein bisschen empfindlich. Doch auch der Amerikaner hat sich die stoische Gelassenheit zugelegt, ohne die hier kein Fortkommen ist.

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