Lond-on-line 26.3.

Zu Lloyd’s kannst du nicht ohne Krawatte, hat Urs Siegenthaler gesagt, also renne ich auf den bengalischen Markt in Whitechapel, kaufe für ein paar Pfund ein schreckliches blaues Hemd mit weissem Kragen, eine Krawatte finde ich nicht, also bügle ich mein Glarnertüechli und binde es mir um und wichse die schwarzen Reebok. Lloyd’s ist der wichtigste Versicherungsmarkt der Welt, vor 300 Jahren in einem Kaffeehaus in der Londoner City gegründet, eine Vereinigung von Kapitalgebern, sogenannten Names oder heute Members, die für Schäden haften. Wir planen eine Reportage.

Der Emfang ist weniger stilvoll als der gediegene Stil, den man Lloyd’s nachsagt. Der Lift fährt aussen an der Fassade der gewaltigen Metallkonstruktion in die Höhe, Aussicht über das Bankenviertel. Mein Blick fährt an den Männern im Lift, die tatsächlich alle Krawatten tragen, in die Tiefe, die Hosen sind dann meist schon zerknittert und die Schuhe seit Wochen nicht mehr geputzt. Doch das Gebäude, von Richard Rogers entworfen wie das Centre Pompidou in Paris, zieht den Blick wieder in die Höhe. Es ist wie umgestülpt, Eingeweide aussen, Röhren, Lifts, Feuertreppen, innen ein ungeheures Atrium, das den Marktplatz überdacht, in dessen Mitte noch die alte Glocke von Lloyd’s hängt: einmal bimmeln gute Nachricht, zweimal bimmeln schlechte Nachricht. Aber sie bimmelt nicht mehr, denn nach dem heutigen Zustand von Lloyd’s müsste sie unablässig Doppelschläge von sich geben. Der Versicherungsmarkt ist längst bankrott und mit ihm viele prominente Names. Im Juli werden die Members über einen Sanierungsplan entscheiden, ob Lloyd’s überlebt, weiss man nicht.

Man geleitet mich in ein Sitzungzimmer, eine der Kabinen, die wie Kokons aussen am Gebäude kleben, während die Büros nach innen gewendet sind. Man entschuldigt sich. Der Konferenztisch ist überstellt mit den Resten eines Gelages, Sandwiches, Teller mit eingetrockneter Sauce, Schüsseln mit stinkendem Salat, angebrochene Weinflaschen, halbvolle Weingläser. Die Luft ist stickig, der Spannteppich schmutzig. Zwei Frauen in schwarzen Uniformen schieben einen zerbeulten Wagen herein, räumen ziemlich ungeschickt ab, zweimal verschütten sie ein halbvolles Weinglas über einen der Sessel, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Das Gebäude ist zehn Jahre alt, das Geld für Renovationen fehlt offensichtlich.

Das Gespräch mit Mat Huber vom Communicatons Departement ist gut, man wird uns jede Unterstützung gewähren. Für Besucher ist Lloyd’s seit fünf Jahren geschlossen, in der Nähe sind Bomben hochgegangen. Er führt mich kurz herum, wir schreiten durch das ameisenhafte Getriebe der Broker im Room, alle sind dezent dunkel gekleidet, die Krawatten modisch bunt, die Schuhe habe ich bereits erwähnt. Hier verhandeln die Underwriters von Lloyd’s mit den Brokern, die im Auftrag der Kunden Versicherungsabschlüsse tätigen. In der Mitte der Halle steht noch immer auf einem Ständer das «Loss book», das Schadenbuch, in dem täglich mit Handschrift untergegangene Schiffe, abgestürzte Flugzeuge, Hurrikane und Erdbeben eingetragen werden, welche Lloyd’s betreffen. Pro Tag werden hier für 25 Millionen Pfund Prämien abgeschlossen. Auf den Tischen reihen sich die Computer und Laptops, die Slip, die traditionellen Policen von Lloyd’s, werden demnächst ganz durch den Computer ersetzt. Ein Grund der Finanzkrise sind die gewaltig angestiegenen Kosten von Naturkatastrophen wie etwa des Erdbebens von Kobe, aber auch Haftung für Asbestschäden und der Tankerkrieg im persischen Golf.

Bevor ich mich verabschiede, frage ich: «Sollten wir bei unserer Arbeit hier Krawatten tragen?»
Mat Huber schaut mich mit einem strengen Blick an. «Es wäre schon besser, ja.»

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