Lond-on-line 26.2

Die Angst steht allen im Gesicht, als die U-bahn stoppt,
mitten im Tunnel, aus unbekanntem Grund. Bombenalarm? Jeder und jede denkt
es, niemand spricht ein Wort. In den Augen der Frau, die mir gegenüber
an der Tür lehnt, sehe ich diesen stummen Schrei: «Nein, nicht
jetzt und nicht hier!» Und hinter ihr im Tunnel, sehe ich schwarze
Leitungen an den Wänden hängen, übereinander und manchmal
übers Kreuz, und im Spiegel der Scheibe sehe ich dasselbe Bild auf
der andern Seite. Der Tunnel ist so eng, dass man kaum aussteigen und fliehen
könnte, und es bleibt nichts als warten in der schreckerfüllten
Stille der U-bahn, zusammen mit hundert andern, die man nicht kennt, eine
Zufalls-Schicksalsgemeinschaft.

Lady Di hat bewaffneten Polizeischutz bekommen, lese ich als fetten Titel
auf dem Daily Mirror, den ein Mann auf der Bank an der Ecke liest, und ich
meine, die Zeitungsblätter zittern zu sehen, doch den Kopf hebt er
nicht. Lady Di wird mit dem gepanzerten Wagen von ihrem Wohnsitz im Kensington
Palace nach Chelsea in ihren Fitnessclub gefahren. Die U-bahn braucht sie
nicht und nach ihrer Scheidung von Prinz Charles werde sie, so heisst es,
eine Abfindung von 15 Millionen Pfund erhalten und den Titel Diana, Princess
of Wales, behalten können.

Ein Knacken irgendwo, der Frau, die an die Tür lehnt, entringt sich
ein Seufzer, sie dreht den Kopf, schaut hinaus, starrt auf die schwarzen
Kabel, die irgendwohin führen, eine letzte Verbindung nach draussen,
wo über der Erde ein klarer Himmel sich wölbt und die Sonne scheint.
«Nein, nicht jetzt und nicht hier!»

Gestern haben Bomben in Israel in einem Bus und an einer Haltestelle 26
Menschen getötet, in London war die U-bahn schon früher, vor dem
«cease fire» der IRA, das Ziel von Terroranschlägen. Und
in dem Augenblick denkt man auch an die Giftgasattentate in der U-bahn von
Tokio. Terroristen schlagen zu, wo die Gesellschaft am wehrlosesten ist,
wo die Menschen schutzlos sind, anhnungslos und unschuldig. Und so treffen
sie fast immer die Armen und Wehrlosen. Vielleicht jetzt, vielleicht hier,
denkt jeder und jede in dem Wagen und das Schweigen ist gespenstisch. Nirgends
fällt ein Wort, nirgends ein befreiendes Lachen. Alle starren hinaus
in den schwarzen Tunnel, der enger und dunkler und bedrohlicher wird und
einen schliesslich zu erdrücken, zu erwürgen droht. Der Atem wird
kurz, die Angst lastet schrecklich.

Wenn nur das Licht nicht ausgeht, denke ich und wohl nicht nur ich. Und
dann geht ein kleiner Ruck durch den Wagen, er setzt sich sacht in Bewegung,
der Frau entringt sich nochmals ein Seufzer, und ihr Lächeln streift
mich, Schweiss glänzt in ihrem Gesicht. Vielleicht warten Kinder, ein
Ehemann, gewiss jedoch ein gewöhnliches Leben. Wir steigen aus und
die Sonne fällt in hellen Streifen auf das ölige Pflaster der
Farringdon Station, die über Grund liegt.

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