Lond-on-line 2.6.

Am Eisengitter an der Kreuzung vor dem Blind Beggar hängt noch eine rosarote Schleife, der Strauss von roten Rosen ist weggerissen. Am Strassenrand steht ein weisser Containerwagen der Polizei, Bobbies mit Notizblöcken befragen Passanten. Es geschah am hellichten Tage.

Shahin Choudhury war aus dem College übers Wochenende nachhause gekommen und am Samstag Nachmittag auf die Strasse gegangen. Die Sonne schien und der Markt in der Whitechapel Road war belebt, diese farbige, bunte, multikulturelle Welt von Händlern und Bettlern, von Jugendlichen und Frauen, die in Stoffen wühlen, nach billigen Kleidern suchen und Gemüse einkaufen. Vom Supermarkt her kommen die Menschen mit den gelben Sainsbury Tragtaschen in den Händen, schwer beladen fürs Wochenende, im Blind Beggar sitzen Männer im Biergarten, trinken und schwatzen und rauchen. Shahin wird wenige Meter daneben, auf dem Gehsteig bei der Verkehrsampel, niedergestochen. Es ist zehn vor fünf, um neun Uhr stirbt er im London Hospital auf der andern Strassenseite. Ein Fünfzehnjähriger aus Bethnal Green wird als Verdächtiger festgenommen.

Ein paar Minuten zuvor waren wir dort über den Fussgängerstreifen gegangen, durch die scheinbar friedliche East End Welt gewandert. Doch die Jungen tragen hier Messer in den Taschen, und es gebe Leute, so schreibt Richard Tidiman, Redaktor am East End Advertiser, die selbst beim Durchfahren ihre Autotüren verschliessen. Er bedauert, dass Pläne, die Whitechapel Road in ein Shopping Center des East End umzubauen, gescheitert sind. Ob die saubere Fassade die Ursachen der Gewalt beseitigt hätte, ist eine andere Frage. Der Vater von Shahin appelliert an die Eltern, die Spirale der Gewalt zu stoppen und die Gewalttäter nicht auch noch in Schutz zu nehmen. «Unsere Gemeinschaft sollte mithelfen, das Recht in diesem Land aufrechtzuerhalten.»
Allerdings hat das Oberhaupt der Londoner Muslime kürzlich den Mordbefehl der iranischen Mullahs gegen den Schriftsteller Salman Rushdie erneuert.

Die Antwort der Politiker auf die steigende Kriminalität unter Kindern ist auch nicht gerade überzeugend. Labours Innenminister im Schattenkabinett, Jack Straw, schlägt eine Ausgangssperre vor. Kinder unter elf sollen nach neun Uhr abends von der Strasse verschwinden. «Mr Straw kümmert sich wohl mehr um seine Schlagzeilen, als um die Details des Problems», ist ein Kommentar. Was ihm auch gelungen ist, die Presse drischt das Stroh von Mr Straw ausgiebig. Shahin hätte es ohnehin nichts genützt, der mutmassliche Mörder war fünfzehn und es geschah an einem sonnigen Samstagnachmittag.

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