Lond-on-line 25.6.

Die Tür klemmt nicht mehr im Cyberia, es wird jetzt
gemalt und umgestellt und gepützelt und die malerisch-chaotischen Kabelstränge
an den Wänden sind verschwunden, ebenso die Kreidetafel mit den Menüs,
die Cyberhosts tragen jetzt einheitlich die Cyberia-T-shirts. Gene Teare
dagegen trägt schwarz und godene Ohrringe, sie ist Mitbegründerin,
Mitbesitzerin des Unternehmens, das vor zwei Jahren in ihrer Küche
auf einer Papierserviette begann, mit Gekritzel und Ideen und 50’000 Pound
Kapital, und das nun bereits ein Weltunternehmen ist mit mehreren Cafés
in England, mit einem im Centre Pompidou in Paris, mit einem in Tokio, mit
Plänen zur Eröffnung einer eigentlichen Internet-Supermarktkette
in den USA und überhaupt, «in jeder wichtigen Stadt der Welt».
Nächstes Jahr kommen Berlin, Amsterdam und Lissabon. Eva Pascoe, ihre
Partnerin, ist seit längerem in New York unabkömmlich, und so
widmet mir Gene, von der man seltsamerweise etwas weniger spricht, eine
charmante halbe Stunde. «Für Kinder», sagt sie, «bin
ich noch zu jung.» Und lächelt ein bisschen verlegen. Ihr Mann
ist ebenfalls im Unternehmen. Und wenn man mit 28 schon ein Weltunternehmen
dirigiert, darf man ja noch ein bisschen zuwarten mit dem Nachwuchs im RL.
Cyberia beschäftigt heute 120 Leute und ist 10 Millionen Pound schwer.

«Biggest News» jedoch sei der «Channel Cyberia.» Damit setzt Cyberia den Fuss auch in den Cyberspace, nachdem das Unternehmen im irdischen Bereich so erfolgreich gewirtschaftet hat. Channel Cyberia, the world’s first 24 hour scheduled free Internet service. Man zielt damit auf ein weltweites Massenpublikum und auf den Werbemarkt im Internet, der ja an irgendwelche mehr oder weniger sinnvollen oder gefragten Inhalte angebunden werden muss. Channel ist noch kein interaktives Fernsehen, aber das kommt vielleicht auch noch, es ist bisher ein bunter Grafikwald mit ein paar bewegten Bildchen. Eine Viertelmillion hat man bisher hineingeworfen und will innerhalb eines halben Jahres aus den roten Zahlen sein und in drei Jahren zwei Millionen Leute erreichen.

Natürlich habe ich vor dem Interview hineingeschaut, vor allem «News»
haben mich interessiert. Die jüngste Nachricht war drei Tage alt, der
Poststreik vom Freitag findet «heute» statt, ha, ha.
«Really?» fragt Gene und lächelt wieder fein. Die Informationen
liefert ITN, eine Agentur. Klar, irgendwann wird man dann schon etwas aktueller
werden, aber vielleicht hat Cyberia die Kosten für gute Information
schon noch etwas unterschätzt. Dafür viel investiert in eine Software,
welche die Surfer beim Surfen verfolgt und so wichtige Informationen für
die Werbung gewinnt. «Datenschutz?» Da stellen sich doch etwas
Verständigungsprobleme ein. Jedenfalls lerne und begreife ich, dass
man nun nach der Investition in die Cafés auch im Internet Plätze
besetzen muss, um überleben zu können.

«Was war das Geheimnis des Erfolgs?» will der Reporter noch wissen.
«Der gute Name und das gute Timing.» Genau im richtigen Moment
am richigen Ort das richtige gemacht. Natürlich auch den Frauenbonus
richtig gespielt. Wahrscheinlich wird in der Informationsgesellschaft Cyberia
ein Informations-Supermarkt sein, etwas wie Sainsbury oder Migros im RL,
Konzerne, die alle ja auch als Lädeli begonnen haben, genau im richtigen
Zeitpunkt am richtigen Ort mit einem guten Namen und begeisterten Pionieren.
Gené wird dann hoffentlich Erben haben.

Kaum sind wir aufgestanden brechen vier lacklederglänzende Punks herein,
mit Ringen in Ohren, Nasen, Lippen, mit himbeerfarbenen Rastalocken aus
Nylon, eiweissgehärteten Haarspitzen oder Irokesenkamm auf der Glatze,
es klirrt und klimpert und duftet, die Zukunft ist angekommen.

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