Lond-on-line 25.4.

Ein gelber Mann stand neben Heinrich Heine auf dem Verdeck, als der Dichter «die grünen Ufer der Themse erblickte und in allen Winkeln meiner Seele die Nachtigallen erwachten». Unsere Nachtigallen werden durch den Lautsprecher überkrächzt, der die Rettungsjacken auf der «Hurlingham» erklärt, und die Ufer der Themse sind auch nicht mehr grün, sondern braun und mit Pfählen verstärkt. Der Mann, der neben uns auf dem Verdeck steht, hat keine gelbes, sondern ein rötliches, aufgedunsenes Gesicht mit Doppelkinn, einen schwabbelnden Hängebauch und ein Bierglas in der Hand, gewiss nicht das erste heute. Die Lady keift mit den dick geschminkten Töchtern, die wiederum die Chips fressenden Enkel ankrähen, Ehemänner sind nicht auszumachen, wahrscheinlich haben sie sich längst in Sicherheit gebracht.

Trotz allem: Das Gefühl, auf der Themse anzukommen, wie Heinrich Heine im Jahr 1827, muss man schon einmal erlebt haben, eine Dreiviertelstunde dauert die Fahrt von Greenwich nach Westminster, im Preis ist ein lesenswerter Prospekt inbegriffen, «The Royal River Thames».
«Land der Freiheit», rief Heine, «ich grüsse dich!» Wahrscheinlich rief er es nicht wirklich, die Matrosen hätten ihn wohl komisch angeschaut, aber in seinem Reisebericht macht es sich gut und gibt dem gelben Mann Gelegenheit, die Begeisterung des jungen Deutschen über die Freiheit im aufstrebenden Industriestaat zu dämpfen. Freiheit bedeute für die Engländer vor allem das «Bedürfnis nach persönlicher Freiheit», bemerkt der Gelbe, sie wollten vor allem in ihren vier Wänden frei sein. «My house is my castle», Heine trifft damit wohl auch noch einen heutigen Wesenszug der Briten. Dass sie zwischendurch einmal mithalfen, das Land der Dichter und Denker von Massenmördern und Diktatoren zu befreien, das konnte der gelbe Weise 1827 ja noch nicht voraussehen. Ob sie das heute wieder tun würden, vor dem Beweis bewahre uns die Geschichte. Jedenfalls bringt der Gelbe unbekannter Nationalität dem freiheitsdurstigen Deutschen bei, dass die Engländer den Anblick einer bevorrechteten Aristokratie gedudiger ertragen würden als die Franzosen und sich mit den Rechten begnügten, die seinen häuslichen Comfort schützten. Gleichheit sei weniger gefragt, Brüderlichkeit schon gar nicht.

Leider vergisst Heine ob dieses intellektuellen Dialoges zu berichten, dass die Docks damals schon im Bau waren, die Weltmacht Nummer eins expandierte, er erwähnt wenigstens das Greenwich Hospital für Seeleute im Ruhestand, den Hügel mit dem Schlösschen, das Gewühl der Schiffe, den Wald von Mastbäumen, und schon sinkt die Sonne, die Sterne leuchten, der Schleier der Abendnebel senkt sich und die Gesellschaft landet beim Tower. Die Brücke hätte der Dichter gewiss nicht übersehen, aber sie stand noch nicht, und auch das katastrophal hässliche Tower Hotel nicht, das vom Fluss aus betrachtet den historischen Ort visuell vollständig zerstört. Die Fahrt lohnt sich trotzdem noch. Man sieht, wie an den Ufern das Alte stürzt und das Neue aus den Ruinen blüht, wir vergleichen die wenigen noch stehenden alten Lagerhäuser mit einem Containerterminal aus Wellblech, forschen nach einem künftigen Wohnsitz in den Siedlungen, die den alten Lagerhäusern nachgebildet sind oder einem Ameisenhaufen.

Eigenartig ruhig und fern und stumm liegt die Stadt beidseits des Flusses. Gegen die City zu dann Glasfronten, «Swiss Bank House», IBM. Das Schiff dreht eine Ehrenrunde vor der feinstrukturierten Front des Parlaments, am Standort des alten Königspalastes von Westminster erbaut, der 1834 abgebrannt war, also kurz vor Heines Besuch. Architekt war Charles Barry und das «Genie» Pugin entwarf die Dekoration. Der markante Turm heisst nicht Big Ben, sondern nur die 16 Tonnen schwere Glocke. Das lese ich im Prospekt, dann steigen wir aus. Die Kids stürzen sich auf den Kiosk, der rosige Dicke sucht den nächsten Pub, der gelbe Mann ist verschwunden.

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