Lond-on-line 25.3.

Ohne Telefon geht nichts, zum Beispiel wenn man verreisen will. Es gibt natürlich Fahrpläne, aber jeder empfiehlt, doch noch anzurufen, ob der Zug auch wirklich fahre, man weiss ja nie. Als Schweizer Bundesbahnfahrer möchte man verzweifeln, da hilft kein Kursbuch weiter. Wenn ich nach Bristol reisen will, rufe ich am besten an, aber wo? In London gibt es neun Bahnhöfe, die Eisenbahnlinien sind, wenn nicht schon privatisiert, so doch zur Privatisierung vorgesehen. Eine ziemlich unübersichtliche Situation. Also rufe ich einmal Viktoria an, dort antwortet das Band. Bei Überlastung bitte die automatische Fahrplanauskunft wählen. Nach mehreren Anrufen erfahre ich dann, dass der Zug nach Bristol in Paddington abgeht, und dort schliesslich auch Zeit und Tarif. Die Rückfahrt, am Sonntag, kostet 26 Pound.

Jeder Engländer sagt natürlich: Fahr doch mit dem Bus, das ist billiger. Und jeder sagt, es gibt aber verschiedene Busgesellschaften, nimm die oder jene. Nach Oxford beispielsweise fahren mindestens drei, ausser der Stosszeit halbleer und zu einem Spottpreis, man will die Konkurrenz zu Boden ringen. Irgendwo finde ich dann ein Blättchen «National Express», eine Busgesellschaft, die 1200 Destinationen im Land ansteuert, Bristol 8.75 Pound steht fett auf dem Umschlag. Schaut man dann innen, dann variiert der Preis je nach Tag und Tageszeit und Status des Reisenden zwischen dem Minimum und 22 Pound. Also doch etwas billiger als der Zug, der Bus hat dafür etwas länger und bleibt, so sagt man auch, gelegentlich im Stau stecken. Man kann telefonisch vorbuchen, dann kommt es billiger und überhaupt, das Tarifsystem ist so kompliziert, dass man am besten anruft. Steht im Prospekt.

Nach mehreren schweissnass durchgestandenen Telefonanrufen träumt der Eidgenosse den Traum des wunderbar praktischen blauen Buches, dessen klaren Aufbau man schon in der Primarschule kennengelernt hat. Und von den Zügen, wo man einfach einsteigt und von den Schaltern, wo die Schlange nicht länger als vier Leute ist.

Vielleicht hilft Fragen weiter, wie in Italien? Tim, der öfters nach Sheffield reist, muss doch wissen, wo die Busse in den Peakt Distrikt fahren. Er schreibt mir eine Telefonnummer auf einen Zettel. «Ruf da an, die geben Auskunft.» Jetzt weiss ich, warum auf der Strasse jeder zweite Mensch mit dem Natel am Ohr herumläuft: anders ist gar kein Zurechtfinden. Londoner Taxi, auf jeder Postkarte abgebildet?
«Bewahre! Viel zu teuer!» ruft David aus, unser Hausverwalter. Der Londoner telefoniert ein Minicab herbei, am billigsten sind die der Bengalen, manchmal fehlt halt ein Fenster. Die Adressen findet man in den Yellow Pages, dem dicken gelben Telefonbuch, das eines Tages auf der Schwelle liegt. Oft werfen die lokalen Minicab-Einmann-Betriebe auch Visitenkarten in den Briefkasten.
«Ins West End kommt man per Minicab billiger als mit der U-bahn, wenn man zu zweit oder dritt ist», rechnet uns David vor.
«Und wie kommt man dann zurück?»
«Ja, das ist etwas schwieriger …»
Er habe, so sagt er, letzthin für einen Weg, den er seit zwanzig Jahren in London fahre, eine neue Variante gefunden, noch zehn Minuten schneller.

Minicab-Unternehmen erkennt man am kreisenden Licht über der Haustür. Das hat nichts mit Rotlichtmilieu zu tun. Aber auch dieses nutzt selbstverständlich das Telefon. Die Damen des Gewerbes stehen sich nicht die Beine in den Leib wie anderswo, sie kleben ihre Visitenkarte in die Telefonkabinen. Anruf genügt. Das sei nicht verboten, habe ich gelesen, bloss wenn die Polizei einen «Carder» beim Kleben erwischt, gebe es eine Busse.

Im Telefonbuch gibt es hunderte von wichtigen Nummern, alle MP, Mitglieder des Parlamentes, sind erreichbar und jede Art von Beratung, von Aids über Schulden bis zur Schwangerschaft. Und alle Theater, telefonische Buchung ist stets empfohlen. Nummer 100 ist dann sozusagen die Hilfe zur Hilfe, wenn man nicht weiss, wohin und wie anrufen, die Supernummer.

Bei der Busstation höre ich dann eine Frau am Schalter laut schreien. Sie hat telefonisch reserviert, hat aber trotzdem keinen Platz.

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