Schweizer Ghetto im East End nennt jemand die Künstlerkolonie
der Kulturstiftung Landis & Gyr an der Smithy Street. Wir treffen uns
zum Abschied, Regen trommelt aufs Glasdach des Ateliers, Peti, der Maler,
und seine Frau Nadja haben den Tisch gedeckt mit Käse, garnierten Einern,
Tomaten, Gemüse, frischem Brot vom Spitalfield Market. Antonina, die
dreijährige Tochter, fährt im Dreirad durch den Raum. Felicitas,
die Frau des Musikkritikers Fritz, hat eine thailändische Suppe gekocht,
Sabine, die Kunstkritikerin aus Nummer 1, erzählt von Jazzclubs und
feinen Esslokalen, von Konzerten und Antiquitätenmärkten. Andreas,
Bildhauer, Sohn des Stiftungssekretärs, und seine Freundin Vera, eine
Illustratorin, sind auch da. Und Chris und ich natürlich. Alle werden
im Lauf der Woche die Kolonie verlassen, zurückkehren in die Schweiz,
nur ich, eben erst angekommen, bleibe.
Ein netter Nachmittag unter Schweizern, allmählich treffen dann auch
englische Freunde ein und Anna, die Kindergärtnerin von Nadja, bengalischer
Abstammung, und die Sprache wechselt.
Er brauche die Metropole, die Kommunikation mit andern Künstlern, sagt
ein Maler, der aus Manchester stammt. Kommunikation im Zentrum kann aber
auch bedeuten, dass man sich mit denselben Dingen beschäftigt wie die
andern, dass man den Moden nachläuft, den aktuellen Strömungen,
wende ich ein. Erzähle vom Bergdorf, der Einsamkeit. Es hat beides
Vorteile, die Abgeschiedenheit und die Szene, für ihn überwiegt
im Augenblick das Bedürfnis nach Austausch.
Austausch. Dazu sind wir ja hergekommen. Dafür hat die Stiftung diese
Häuser im East End erworben, stellt sie uns zur Verfügung, gratis
und mit einem guten Beitrag an die Lebenskosten. Peti musste dann doch manchmal
Bücher verkaufen auf dem Flohmarkt, wenn das Geld ausging. Austausch
zwischen Kunstschaffenden, Kritikern, Schreibern aus der Schweiz mit der
Grossstadt London, raus aus der Provinz. Doch «London ist eigentlich
ein grosses Dorf», sagt der englische Maler. Was auch meinem Eindruck
entspricht, ein Dorf, 20’000 mal grösser als Obstalden, in dem ungeheuer
viel läuft, die Quantität ist unabsehbar. Die Frage ist, wie leisten
wir den persönlichen Umschlag von Quantität in Qualität.
Oder: wie verarbeiten wir die Eindrücke, wie arbeiten wir hier.
Peti ist ein Sammler. Er sammelt Verpackungspapiere, Kinderzeichnungen,
die der Wind durch die Strasse weht, Plakate, er hat in dem halben Jahr
eine raumfüllende Collage gestaltet, «Personal Geography»
der Titel. Aus der vorgefundenen Realität, aus einer Auswahl des Wahrgenommenen
und in Besitz genommenen, montiert er eine neue, persönliche Realität
oder eben Geografie: Sein Kunstwerk. Weisses Papier, sagt er, scheue er.
Er brauche die Verpackungen, die Fundpapiere als Grundlage, als Basis für
sein Schaffen.
«Ihr Schreiber», sagt Sabine, «macht ja nichts anderes.»
Und deutet damit den Gedanken an, den Umberto Eco etwa so formuliert hat:
Fikton gib es eigentlich nicht, das heisst, jede Fikton wurzelt in der vorgefundenen
Realität, in unseren Erfahrungen, in den Bildern, die wir mit uns tragen,
in der Geschichte. Wir können die Grenzen unseres Hirns niemals sprengen.
Soll der Aufenthalt hier also dazu dienen, unsere Grenzen zu überwinden,
möglichst viel neue Realität zu sammeln, mitzunehmen, oder soll
er ein Freiraum für die Arbeit an Neuem sein? Klausur also oder intensives
Erlebnis?
Die Kulturstiftung Landis & Gyr, und das ist grosszügig, lässt
uns freie Hand, sie verlangt kein sichtbares Resultat. Sie verlangt eigentlich
nur, dass wir die Wohnung einigermassen in Ordnung halten, nach dem Duschen
die Plättli abtrocknen, weil die Wand nicht dicht ist, und die Telefonrechnung
bezahlen.
Ein Resultat meiner Sammlungen, eine virtuelle Collage, ist dieses Tagebuch.