Lond-on-line 2.5.

Wenn er den Wasserhahn dreht, erklingt das Alphorn, doch der Fremde vergiesst keine Tränen, er zuckt zusammen, dreht zu, das Alphorn dröhnt dumpf aus der sanitären Installation, verändert bloss seine Tonlage, wenn er auf- und zudreht, als sitze irgendwo in den Kupferröhren, die sich durch Wände und Schränke winden, ein Geist, der auf dem archaischen Instrument seine Weisen bläst. Irgenwann erstirbt der Klang, der Fremde atmet auf, doch nun wagt er weder Wasserhahn noch Dusche aufzudrehen vor Angst, der Alphorngeist beginne sein Spiel von neuem, und selbst beim Betätigen der Klosettspülung hat er schon seine Klänge erschallen lassen, er musste ihm mit energischem Auf- und Zudrehen des Lavabohahns zum Schweigen bringen. Und stets fürchtet er, einmal werde jede Massnahme umsonst sein, die Schwingungen im Geröhre würden stärker und mächtiger und plötzlich würde irgendwo ein Rohr platzen, wie beim Nachbarn, dem es im Bett auf den Kopf tropfte.

Nun ist es aber still und es tropft bloss der Wasserhahn, tripp, trapp, in der Stille. Anfangs hat ihn das gestört, er hat sich nach Dichtungen umgesehen in diversen Geschäften, aber im Haus nirgends einen Abstellhahn gefunden, um sie auswechseln zu können.
«Es muss einen geben», hat der Verwalter gesagt, aber auch er hat keinen gefunden.
«Das ist doch Vorschrift.»
«Vorschrift schon, aber nicht Wirklichkeit.»
Es gibt zwar einen Schrank, wo diverse Kupferrohre durchführen, zwei Hahnen, aber deren Betätigung ist völlig wirkungslos. Der Verwalter hat nur den Kopf geschüttelt. «Ich verstehe das nicht.»

Bei der Gelegenheit hat in der Fremde darauf aufmerksam gemacht, dass Kupferrohr und Eisenarmaturen auf die Dauer nicht dicht bleiben können, sie bilden ein elektrisches Element, es fliesst ein Strom, es korrodiert, das hat er schon in der Schule gelernt. «Es ist nur eine Frage der Zeit.»
Der Verwalter zuckt die Schultern. «Wissen Sie, in diesem Land baut man nicht auf die Dauer. Ein Haus ist wie ein Auto. Es wird gebaut, gekauft, weiterverkauft, abgerissen.»
«Wie steht es denn mit all den alten Schlössern und und Landhäusern, den herausgeputzten mittelalterlichen Städchen und den Kirchen, auf deren 1000jährige Mauern man hierzulande so stolz ist?»
Der Verwalter hat geschwiegen. Er wohnt auf dem Land, in einem uralten, renovierten, herausgeputzten Farmerhaus wahrscheinlich. Er züchtet Schafe und lässt sich nur selten in der Stadt blicken.

Die Wohnung des Fremden ist gerade zehn Jahre alt, doch schon zeigen sich überall Schäden. Nach dem Versuch, den Abstellhahn zu schliessen, tropfte auch dieser, er musste einen Kübel unterstellen. Im Erdgeschoss wächst Schimmel aus den Wänden, irgendwo dringt Wasser in die Mauern, vielleicht durch die undichten Silikonfugen im Bad und in der Küche. Ein Trost ist: Nebenan ist es noch schlimmer. Der Neubau ist erst zwei Jahre alt, das Dach vom Architekten sehr modern in Glas und Stahl entworfen, einziger Nachteil: Es regnet durch.

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