Den täglichen Mord geniesse ich zum Frühstück,
JSFM 102.2, News for London. Heute vernehme ich zum Beispiel als erste Nachricht,
dass ein älteres Ehepaar, Joseph Plosch und seine Frau Cornella, 86
und 82 Jahre alt, in ihrem Haus in Fulham erwürgt und erschlagen worden
sind. Er lag im ersten Stock, sie im Parterre, keine Motive erkennbar, die
Rentner haben ein unauffälliges Leben geführt, nach dem Krieg
waren sie aus Polen eingewandert. Die Jagd auf die Mörder ist im Gang.
Zwei Girls aus Brighton, Marianne Plats und Melanie Chapman, 16- und 18jährig,
hat die italienische Polizei beim Heroinschmuggel in Neapel erwischt und
verhaftet. Schliesslich hat eine Organisation gegen «Domestic Violence»
festgestellt, dass geschiedene Männer oftmals das Besuchsrecht bei
den Kindern missbrauchen, um ihre Ex-Partnerinnen und die Kleinen zu schlagen.
«Das Recht der Väter darf nicht vor der Sicherheit der Frauen
und Kinder kommen.» Als Beispiel wird dann Clara zitiert, deren Ex-Mann
jeweils betrunken zu den Besuchen kam und zu den Kindern sagte: «Ich
werde eurer Mutter den Hals durchschneiden.»
Selbst im Sport kann zur Eröffnung der Tennismeisterschaft von Wimbledon
darauf hingewiesen werden, dass Favoritin Monika Seles einst in Hamburg
mit dem Messer angegeriffen wurde und ihre Karriere darunter gelitten hat.
Und schliesslich rüstet sich die Nation für den Kampf gegen Deutschland,
im Halbfinal der Fussball EM Euro 96. 51 Jahre nach Kriegsende will man
die Germans nochmals besiegen. «Und Rache nehmen für die Niederlage
vor sechs Jahren im Worldcup-Halbfinal.» Ob die Armee von deutschen
Skinheads wirklich anmarschiert zur grossen Schlacht gegen die englischen
Hooligans, wie man fürchtet, wird sich zeigen. Die Polizei jedenfalls
ist in Alarm. Zudem, so sagt der Sprecher eben, befindet sich England mit
Deutschland ohnehin im Kriegszustand wegen dem «Beef ban», der
Einfuhrsperre für Rindfleisch nach Europa.
Während der Horror der Welt über mir zusammenschlägt, geniesse
ich den kolumbianischen Kaffee, den Vollkorntoast von Sainsbury, bestrichen
mit dänischer Butter. Darauf kommt noch eine Schicht Aprikosenkonfitüre
aus dem Nobelladen Harrods in Knightsbridge (Überrest von ehemaligen
Nachbarn, die stets von Geldsorgen geplagt waren), den der ägyptische
Geschäftsmann Mohamed Al Fayed 1985 unter undurchsichtigen Umständen
erworben hatte. Heute gehört ihm auch der Privatsender JSFM – vielleicht
fördert der Horror zum Frühstück den Absatz von Konfitüre.
Mit irgendetwas muss sich der Mensch schliesslich die bittere Welt versüssen.
Im Notfall tut es auch der Wetterbericht: «Schön, sonnig, trocken.»