Der Terrorist schleppt zwei schwere Taschen durch Whitehall, Lord Nelson auf der Säule am Trafalgar Square blickt der breiten Strasse entlang, die nach Westminster führt, er studiert die Uhrzeit am Big Ben, obwohl seine letzte Stunde längst geschlagen hat. Der Fremde sieht den jungen Mann, der bleich und nervös die zwei Segeltuchtaschen schleppt, so schwer, dass er vor dem Whitehall Theatre eine abstellen muss, Atem schöpfen. Die zwei Polizisten auf der andern Strassenseite wandern im Gleichschritt gleichgültig weiter, «Great Scottland Yard» liest der Fremde: Hinüber! Alarm schlagen! fährt ihm durch den Kopf, doch Sherlock Holmes ist wohl nicht mehr im Dienst.
Die Taschen, die der nervöse Bursche schnaufend schleppt, sind genau von dem Modell, vor dem auf Plakaten in allen U-bahnstationen und allen Bussen gewarnt wird, vollgestopft mit Semtex sind sie gewiss, darum so schwer, und niemand dreht den Kopf. Auch die zwei Gardisten auf den Rappen nicht, die vor einem Tor posieren, starren stumm geradeaus, «The Queen’s Life Guard», die pausbäckigen Gesichter unter den blanken Helmen mit den roten Federbüschen bewegen sich nicht, nur der Degen zuckt, als ein Gentleman mit Krawatte durchs Tor tritt und der dritte Wächter, der am Boden steht, knallt mit dem schwarzen Stiefel einen Taktschritt aufs Pflaster, Fotoapparate blitzen. Was nützt die Wache, die nicht wacht? «Der Mann bewegt sich aber komisch», kräht eine deutsche Mädchenstimme in einem Schwarm von Schülerinnen, durch die sich der Mann mit der Tasche gerade schwitzend drängt. Doch die laute Blonde meint nicht den Verdächtigen, sondern den gestiefelten Wächter. Zwei Bobbys mit einem Schäferhund an der Leine kommen von Westmister her auf dem Gehsteig, endlich, denkt der Fremde. Doch auch die Ordnungshüter schenken dem Terroristen keine Beachtung.
Schon wieder staut sich eine Traube Menschen, hinter dicken Gitterstäben steht ein Dutzend Polizisten, ein Tor geht auf, eine schwere Limousine gleitet vorüber, eine Videokamera surrt. War das nicht der Premierminister auf derm Rücksitz, der kleine, graue, unscheinbare Mann mit der schweren Brille? Das Tor geht zu, die Leute gaffen der Staatskarosse nach. «Downing Street» liest der Fremde und sieht den Mann mit der Tasche zwischen den Menschen verschwinden, weiterstreben, Westminster und dem Parlament zu. Er gibt auf und erwartet das Schlimmste.
Schon einmal wollte einer das englische Parlament in die Luft jagen, am 5. November 1605, Guy Fawkes hiess der katholische Verschwörer, doch der «Gun Powder Plot» wurde entdeckt. Heute hätte er leichte Hand, denkt der Fremde (sind die Nordiren nicht auch katholisch?). Er betritt das Whitehall Theater zur Nachmittagsvorstellung, doch eigentlich könnte er sich den Eintritt sparen, denkt er, die Strasse wäre die interessantere Bühne.
Nachtrag: Die Geschichte ist im Speicher, als in den Frühnachrichten die Meldung kommt, dass die IRA versucht hat, die Hammersmith-Brücke in Südwest-London zu sprengen, zum 80. Jahrestag des Osteraufstandes von 1916 in Dublin. Es war eine kleine Explosion, niemand verletzt. Wäre die ganze Ladung, 32 Pfund Semtex, hochgegangen, dann würde die Brücke jetzt in Trümmern liegen. Den Mann mit den zwei Taschen habe ich wirklich gesehen, das Gewicht, das er schleppte, könnte etwa 32 Pfund gewesen sein.