Auf dem Altar stehen zwei Mountainbikes, auf den Kirchenbänken
unter den alten Grabplatten liegen Rucksäcke verstreut, Schuhe, Seile,
Pullover, ein muskulöser Mann schlüpft in einen hautengen, pinkfarbenen
Dress, Rockmusik schallt. Die St.Werburghs Church in Bristol ist seit vier
Jahren eine Kletterhalle, das Bild ist durch die Weltpresse gegangen. Für
den Climber vom Kontinent ein «must», dafür verzichtet er
auf Westmister.
Weit ist die Fahrt durch nebliges Land, doch kein Weg ist für den Süchtigen
zu weit zum Stoff. Und schon hängt er wieder an den Griffen, stäubt
Magnesia in die Luft und spürt das Adrenalin im Blut. Rundum tingeln
Karabiner, emsig krabbeln die jungen Bristoler an den grün und gelblich
bemalten Wänden aus Sperrplatten, welche die Säulen und Mauern
der Kirche verstecken. Eine Schar Kids in roten Helmen bricht herein, stimmungsvoll
fällt ein Strahl Sonne durch die Glasfenster in den gotischen Spitzbögen.
Die Farbe der Wände habe man den Meeresklippen angepasst, an denen
die Bristoler sonst klettern, erklärt Julian, einer der Manager. Sie
sollen das Gefühl von Wind und Wetter und der Feuchtigkeit «outdoor»
vermitteln.
Auf der Empore, auf einer Kirchbank ruhend, mit guter Aussicht über
das Getriebe, trinke ich Kaffee. Rob Parker und Julian Walker haben die
Kirche von der Church of England für fünf Jahre gemietet und die
Wände selber eingebaut, Rob ist Zimmermann. Nun will man den Vertrag
verlängern. Reich würden sie nicht, die Rechnung gehe gerade eben
auf. Doch die Kirche war froh, dass sie mit dem Gebäude etwas anfangen
konnte, es stand lange leer, schon regnete es durchs Dach. Nein, niemand
habe sich daran gestört, dass die heilgen Hallen nun ganz und gar unheiligem
Tun geweiht seien. «Gottesdienst in der Vertikalen», lacht Julian.
Den Altar, die Fresken, die Fenster und Skulpturen haben sie sorgfältig
geschützt. Falls die Religiosität wieder einmal zunimmt und damit
der Bedarf nach Kirchraum, kann man die Kletterwände jederzeit herausreissen.
In andern Kirchen hat man Büros eingerichtet oder Lagerhäuser.
Bristol, das ist mir bei der Ankunft gleich aufgefallen, ist die Stadt der
Kirchen. Wohin man schaut, erhebt einer der burgartigen Türme mit den
Spitzchen an jeder Ecke. Der Pietät halber statte ich der ältesten
Kirche Bristols noch einen Besuch ab, St. Peter steht in einem Park über
den Hafenbecken des Avon, ohne Dach, ohne Fenster, ein Gerippe. Die Kirche
aus dem 11. Jahrhundert wurde von deutschen Bomben zerstört, samt dem
ganzen Stadtzentrum, beim sogenannten «Blitz» in der Nacht vom
24. November 1940.