Lond-on-line 24.2.

Eine Nacht und einen Tag war ich gefahren, vor 27 Jahren, mit Zug und Fähre, zwei Adressen in der Mappe wo
ich mich vorstellen sollte: Ferranti in Manchester und eine Werzeugmaschinenfirma
in High Wycombe, ich war ein junger Ingenieur, wenige Monate verheiratet,
es war ein Versuch, im Ausland eine Stelle zu finden. «In England
können Sie nichts lernen», hatte zwar Professor Günthard am Institut
für Physikalische Chemie der ETH gemeint, als ich ein Empfehlungsschreiben
verlangte. Er war mein Chef. Ich hatte den ersten Minicomputer
installiert und programmiert, die PDP-8, und extrem genaue Stabilisatoren für Magnetfelder gebaut. So
war ich zum ersten Mal nach London gekommen.

Und ich erinnere mich, wenn ich in diesen Tagen mit Chris durch
die Stadt wandere. Viktoria Station, da bin ich angekommen, habe
ein Hotel gesucht. Anderntags bin ich mit dem Zug weiter nach
Manchester und dort, Horror, habe ich beinahe keine Unterkunft
gefunden, erst nach langem Suche in der Kälte der düsteren Stadt.
Die roten Linien der Erinnerung, jene fiktiven Marken in der Landschaft,
die unseren Weg durch die Welt zeichnen, fiktiv, begegnen mir
auch in London allüberall. Im Sommer darauf kehrte ich mit Chris
wieder, per Autostop reisten wir bis Schottland, bestiegen den
Ben Nevis, und zurück, und wenn wir kein «Bed and Breakfast» fanden,
übernachteten wir im Freien. In Aberdeen verbrachten wir die Nacht
in zwei Armenhäusern, Chris in jenem für Frauen, ich in jenem
für Männer. Im Herbst zogen wir nach Karlsruhe zu Siemens, wo
ich Prozessrechner programmierte.

England wollte mich vorerst nicht, ob ich etwas gelernt hätte,
weiss ich nicht. Sicher die Sprache, die Lebensart, die Kultur.
In High Wycombe prüften mich zwei Ingenieure eine Stunde lang.
Ich musste die Nyquist- und Bode-Diagramme meines Stromstabilisators
erklären, meiner ersten erfolgreichen Ingenieurarbeit. Sie waren
zufrieden mit meinem technischen Wissen, aber wahrscheinlich nicht
mit meinen Sprachkenntnissen, sie suchten einen Verkaufsleiter
für den Kontinent.

So wird jede der roten Linien in der Landschaft zu einer Frage,
wenn wir ihr begegnen: Was wäre geworden, wenn? Wenn mich der
freundliche Mr. Sutherland bei Ferranti in Manchester eingestellt
hätte in seinem Prüflabor? Oder wenn ich mit Werzeugmaschinen
aus High Wycombe durch Europa gereist wäre? Man schliesst die
Augen, denkt jene Linie weiter, die dann doch in eine andere Richtung
abbog, man kommt zum Schluss, dass ein Leben überall denkbar und
vielerorts auch lebbar wäre, in High Wycombe wie auch in Obstalden
oder Karlsruhe. Man kommt zum Schluss, dass das Leben letztlich
eine Summe von Zufälligkeiten ist, nach deren Gründen man fragen
kann, aber nie eine Antwort finden wird.

Manchmal kommt mir auch mein erster Schulschatz Margrit in den
Sinn. Dunkle Haare, Mandelaugen, eine warme Stimme. Einmal legte
sie mir die Hand auf die Schulter in der Pause am Brunnen, ich
wäre vor Scham am liebsten in den Boden versunken. Margrit hat
nach England geheiratet, lebt hier irgendwo, vielleicht ganz in
der Nähe, ist eine englische Lady geworden und nicht mehr das
schöne Mädchen vom Seelisberg, einem einsamen Haus im verlorensten
Dorf, das man sich denken kann. Vielleicht hat sie schon weisses
Haar und trinkt Tee im Club der Damen in ihrem Quartier. Die tausend
Leben, die wir nicht gelebt haben, die Wege, die keine rote Linie
hinterlassen, beflügeln wenigstens unsere Phantasie.

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