Lond-on-line 2.4.

Mud heisst eigentlich Schmutz, doch der Sex ist dort rein,
Sherry lacht bezaubernd, sie ist klein und schwarz gekleidet und schwarzhaarig
und lebhaft und ihr Ohrschmuck und die Halskette schimmern dezent. Mud heisst
«Multiuser Domain», ein Begriff aus dem Cyberspace, wie uns Sherry
Turkle erklärt, klinische Psychologin und Professorin für Soziologie
am MIT, kurz nach London gejettet um am Institute of Contemporary Arts an
der Mall über ihr neues Buch «Life on the Screen» zu sprechen:
ein «must». Denn mehrere Male haben wir in Kursen für Eltern
von Computerkids aus ihrem Standardwerk «Die Wunschmaschine» (The
Second Self) zitiert und Sherry zitiert sich auch gerne selbst. Das tut
ihrem Charme und ihrer Kompetenz keinen Abbruch, und ihre Geschichten sind
so spannend wie Tausendundeine Nacht. Zum Beispiel jene des Rentners, 80jährig
in einem Altenheim in Florida lebend, der in einem Mud auf dem Internet
einen überzeugenden Auftritt als weiblichen Teenager produziert. Also,
was ist ein Mud?

Sherry umfasst den Raum mit ihren Armen, samt Stukkaturen, Samtvorhängen,
unbequemen Sesseln und 90 schwitzenden Zuhörerinnen und Zuhörern,
und sagt, wir könnten jetzt auch jeder für sich zuhause am Bildschirm
sitzen und durch eines der Fenster in diesen Raum blicken, und jeder wäre
als virtuelle Person gegenwärtig, auch sie selber, und sie würde
referieren, eben gerade wie jetzt, und wir würden hören und fragen
und mit der Zeit würden wir im Cyberspace eine virtuelle Gemeinschaft
bilden. Alles möglich, Ian Pearson, der Zukunftsforscher von British
Telecom, der aussieht wie ein Konfirmand und ebenso verklemmte Gesten macht,
nickt, und das ist das einzige, was er den ganzen Abend beizufügen
hat. Neben dem Feuerwerk Sherry Turkle hat ein konservativer Goldbrillenträger
kein Auftritt. Hoffentlich ist er in seinem Mud besser.

Sherry interessiert natürlich nicht das Leben im Mud, sondern die Schnittstelle
zwischen realem und virtuellem Raum, die immer mehr verschwimmt. Der BT-Konfirmand
nickt und verspricht breitbandigere Leitungen und billigere Terminals und
Computersensoren, die sogar Gedanken und Gefühle lesen können,
Sprache verstehen sie bekanntlich schon lange.

Mud spielen die Leute in den USA gern während der Arbeit, die Bildschirme
sind heute voller Fenster, eines für Text, eines für Kalkulation,
eines für Börse, eines für E-mail, und in einem kiebizt man
in den Mud, wo jeder seinen Charakter definieren kann, in andere Rollen
schlüpfen wie an der Fasnacht, «cycling through windows»,
und diese unendliche Fasnacht, so will ich verstehen, hat offensichtlich
therapeutischen Charakter. In der «Multiuser Online Society» erlebt
sich Mann als Frau, jung als alt, wie im Psychodrama eben. Das Selbst findet
für jede seiner Facetten ein Fenster, eine Rolle in einem Mud, nicht
wie im realen Leben, wo jedes Selbst in einen einzigen Auftritt gezwängt
wird. Diese Woche hat übrigens ein Spitzenchirurg, der auch die Winsdors
behandelt, sein zweites Leben als Frau in der Transvestitenszene gebeichtet.
In andere Rollen schlüpfen ist wahrlich ein «universal human desire»,
Internet macht’s universell. In den Muds werden sogar ganz traditionelle
Hochzeiten gefeiert, und der Sex ist, wie gesagt, nicht nur safer, sondern
ganz und gar ungefährlich, ganz und gar rein.

Im Mud wird jedoch die Larve nie gelüftet. Sherry, jetzt wird sie zwischendurch
ernst, hat erlebt, wie sie als Mann viel freier angesprochen wird, kein
«darf ich Sie etwas fragen mehr.» Wobei man ihr natürlich
ganz gerne real begegnen würde, nicht im Mud, sondern vielleicht bei
einem Candellight Dinner in Soho, zu fragen gäbe es viel. Schön
auch, wie sie die Metapher Computer auseinanderbeinelt, da gibt es den objektiven
Computer, der Dinge für uns tut, und den
subjektiven Computer, der Dinge mit uns tut. Wir
sind Objekt und Subjekt zugleich dieser Teufels- oder eben Wunschmaschinen,
und deshalb sehen wir uns selber immer mehr als Maschinen, als biologische,
physikalische Apparaturen mit In- und Output. Via Maschine, via unser Spiegelbild
in der Datenwelt, lernen wir mehr über uns selber.

In einem Mud ist Sherry sogar einer virtuellen Person namens Dr. Sherry
begegnet, die Menschen über ihren Umgang mit dem Computer befragte,
«ein Stück meiner Biografie steckt da drin», und manchmal
kann auch sie nicht mehr unterscheiden, ob das Gegenüber im Mud nun
wirklich noch von einem Menschen definiert ist oder gar von einem Roboter,
wie etwa der Kellner in einem virtuellen Kaffee. «Auch ich verliere
manchmal den Turing Test im Cyberspace.»

Sherry, «Antropologist of the Cyberspace», kommt nur ganz kurz
ins Schleudern, als eine junge Frau die Frage nach der Macht stellt, nach
dem Einfluss der Wirtschaft und der Regierungen auf all diese Prozesse in
den Netzen, die offenbar die Welt und die Menschen verändern. Da weiss
auch Sherry, die sonst vieles weiss, nur mehr oder weniger «it’s a
complicated story». Und erzählt, dass das Internet eigentlich
als militärisches Projekt begann, aber das wissen wir ja schon. Und
findet, in UK seien die Leute besorgter, was die technologische Entwicklung
betreffe. Sie wirkt unbesorgt, schliesslich ist auch das MIT von der Rüstung
mitfinanziert. Wir verzeihen ihr, wir blicken ja auch nicht durch, wer denn
schon? Der BT-Futurologe nickt ebenfalls mit faltiger Stirn und verspricht
tiefere Telefontarife ab Jahr 2000.

Eine sehr korpulente Dame schwärmt dann von ihren Mud-Erfahrungen,
von der Befreiung von irdischem Ballast in den sieben Rollen, die sie spielt,
den sieben besseren Leben. Es klingt etwas nach Sekte, aber auch ihr verzeihen
wir. Das elektronische Selbst ist federleicht. Der Computer, wir haben es
ja gehört, ist der Spiegel. Das Gespräch erschöpft sich dann,
es ist auch gar heiss, und im RL (real life) klappen ein paar Augendeckel.
Der zweite Autor, Douglas Adams, Verfasser des Kultbuches «Hitchhiker’s
Guide to the Galaxy», ist leider nicht erschienen, er sei an eine unbekannten
Ort verreist, sagt die Moderatorin. Wohin, ist ja wohl leicht zu erraten.

Die Mall draussen liegt im Halbdunkel, samten bläulich streichelt der
Himmel die Zacken von Westminster, Big Ben strahlt golden, und zwischen
den Galaxien am Himmel steht ein milder Mond. Kühl weht der Frühling
durch die Stadt. RL ist ja auch schön.

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